Pat's, Anja's & JJ's Working Place


Dragontree takes you home

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03 - first draft



Maggie fiel neben ihm auf die Knie.



»Kurt?«, fragte sie. Keine Antwort. Ihre Hände flatterten hilflos über seine Schultern. Sollte sie es wagen, ihn anzufassen? »Mein Gott, Kurt, was ist los mit dir?«



Sie mußte sich ansehen, was da unter ihm lag, was er gegen seinen Bauch gepreßt hielt, doch zuerst mußte sie seine Beine ausstrecken und den Arm beiseite schieben. Dann legte sie ihre Hände auf seine Schultern und drückte fest dagegen, damit er sich umdrehte. Aber er rührte sich nicht, lag da wie ein nasser Sack. Sie schob ihr Haar zurück, krümmte sich, bis ihre Schulter beinahe unter seiner lag und schob noch einmal. Endlich bewegte er sich stöhnend und kam auf dem Rücken zu liegen.



Ein dunklerer, nasser Fleck auf dem hellroten T-Shirt zeigte, wo das Blut aus der Wunde trat. Sie berührte die Stelle vorsichtig und starrte entsetzt auf die frische, leuchtende Farbe auf ihren Fingerspitzen.



»Oh nein!« flüsterte sie.



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Sie beugte sich über ihn und versuchte, das T-Shirt anzuheben, um es aus dem Hosenbund der Jeans zu ziehen, dann zögerte sie. Der Ledergürtel preßte den Stoff auf seine Taille. Sie würde ihn öffnen müssen. Betend, daß sie das Richtige tat, zog sie das lose Ende durch die Schnalle. Ihre Finger kämpften mit dem Ding, und sie beugte sich über seine Hüfte, auf das konzentriert, was sie zu tun hatte.



Plötzlich wurde sie gewahr, daß sich Kurts Atemrhythmus veränderte, und blickte angstvoll auf. Er beobachtete sie aus halb geschlossenen Augen, auf seinen Lippen ein spöttisches Lächeln.



»Wie in alten Zeiten«, flüsterte er.



Sie ließ die Schnalle los, als wäre sie aus glühendem Eisen, sprang auf und fühlte, wie Wut ihr vom Nacken her die Röte ins Gesicht trieb.



»Ich wollte dir nur helfen.«



»Danke, aber mir geht's gut.« Er versuchte, sich aufzurichten, fiel aber mit schmerzverzerrtem Gesicht zurück.



»Sieht gar nicht danach aus. Was in aller Welt ist los?«



»Die Wunde hat sich geöffnet, das ist los. Ich werde sie neu verbinden, wenn mein Kopf ein bißchen klarer ist. Habe nur mehr Blut verloren, als ich vermutet hatte.«



Er senkte den Kopf auf die glatten Fliesen des Küchenbodens und schloß die Augen.



»Laß mich mal sehen!« Dieses Mal öffnete sie die Schnalle mit sicherer, kalter Hand und zog das Hemd aus dem Hosenbund. Der Verband war mit dunkelrotem Blut getränkt.



»Ich hole Verbandszeug. Beweg dich nicht!«



Er drehte ihr den Kopf zu, und sie sah das altbewährte Grinsen: »Ich geh nirgendwo hin. Die Aussicht hier ist nämlich sehr gut.«



Sich plötzlich bewußt, wie nah ihre bloßen Beine seinen Händen gekommen waren, wandte sie sich schnell ab und verließ den Raum.



Die Wunde war sauber, aber Kurt zuckte und biß die Zähne zusammen, als sie den Verband wechselte. Maggie legte den neuen an, so gut sie es vermochte, dann zog sie Kurt auf die Füße und verfrachtete ihn in einen Stuhl. Dort blieb er einen Moment sitzen, den Kopf auf seine Hände gestützt.



Maggie stellte ein Glas Wasser neben ihm ab.



»So. Da hätten wir also eine offene Wunde, einen gebrochenen Arm und ein aufgerissenes Bein. Sonst noch was?«



Er schüttelte den Kopf. »Nur ein paar gebrochene Rippen.«



»Nur ein paar ...«, sagte Maggie und winkte verzweifelt ab. »Ist das alles? Was hast du mit deinem Bein gemacht?«



»Da hat sich ein Ast reingegraben. Hat den Muskel verletzt. Tut ein bißchen weh.« Er zuckte mißmutig mit den Schultern.



»Darauf wette ich. Du solltest im Krankenhaus liegen.«



»Auf keinen Fall, Maggie. Da kriegen mich keine zehn Pferde mehr rein. Das wird schon wieder.« Er kämpfte sich auf die Füße.



»Bleib' gefälligst sitzen! Du wirst nur wieder hinfallen, und ich habe keine Lust, dich noch einmal über den Boden zu wälzen.«



Er sah sie durch die Locke an, die ihm in die Stirn gefallen war. »War doch ganz lustig, oder?«



»Nein, das war es nicht.«



Er versuchte noch einmal aufzustehen und ließ sich stöhnend wieder fallen.



»Verdammt, das Auto muß verschwinden.«



»Bleib' endlich sitzen. Ich mach das. Wo sind die Schlüssel?«



»In meiner Jeans.« Er zeigte leichthin auf die vordere Hosentasche. »Ich bekomme sie nicht raus, ohne aufzustehen oder mich darauf zu stützen.« Er hob den bandagierten Arm.



Maggie warf ihm einen giftigen Blick zu und atmete tief ein: »Halt still!«



Er lehnte sich zurück und streckte ein Bein aus, um ihr Zugang zu der Tasche zu gewähren. Vorsichtig fuhr sie mit der Hand in die Öffnung, fühlte die Wärme seines Körpers durch das Baumwollfutter und die harten Muskeln unter ihren suchenden Fingern. Die Tasche war tief, die Schlüssel schwer zu erreichen. Sie machte ihre Hand so klein wie möglich, denn sie war sich der Wölbung hinter dem Reisverschluß durchaus bewußt. Sie zögerte, versuchte den Ring des Schlüsselbundes mit nur zwei Finger zu fassen, aus Angst, sie könne diesen Hügel mit ihrem Daumen berühren.



Kurts Augen ruhten auf ihr, folgten ihrer Hand, während sie sich ihren Weg in die Tiefen der Tasche bahnte. Sie schluckte. Sie hätte schwören können, daß sie in den Augenwinkeln eine Bewegung hinter dem Reißverschluß wahrgenommen hatte.



Was zur Hölle tat sie eigentlich hier? Verdammter Kerl, er genoß das auch noch! Vor allem, weil er genau wußte, was sie jetzt fühlte, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Wollte sie ihm wirklich die Genugtuung verschaffen, ihn zu betatschen? Plötzlich war sie wütend. Ihre Hand schoß bis auf den Grund der Tasche, griff den Schlüsselbund und zog ihn schnell heraus.



»Hab sie!«



»Gut.«



Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, bestimmt lachten sie spöttisch. Die Schlüssel lagen warm vom langen Körperkontakt in ihrer Hand. Sie wollte nicht daran denken, wo sie eben noch gewesen waren und was sie hatte tun müssen, um sie zu erlangen.



»Fahr den Wagen nach hinten«, sagte er. »Steht der alte Schuppen noch?«



Maggie zwang sich, ruhig zu antworten: »Er ist noch da. Ich setze den Wagen weg, nur damit du Ruhe gibst, aber wenn ich zurückkomme, wirst du mir erzählen, was hier vorgeht, und wieso es so wichtig ist, daß man dein Auto nicht entdeckt.«



Fünf Minuten später legte Maggie die Schlüssel auf den Küchentisch und staubte ihre Hände ab.



»Alles versteckt.«



Kurt sah zu ihr auf. Er war immer noch bleich und hielt sich den verwundeten Arm.



»Der Wagen steht im Schuppen. Und du solltest im Bett sein!« fügte sie hinzu.



»Jepp.« Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Die dunklen Stoppeln knisterten, als seine Finger über das Kinn strichen. »Danke!«



»Du siehst furchtbar aus.«



»Hast noch nicht vergessen, wie man einem Mann schmeichelt, was?«



»Dir zu schmeicheln zählt eigentlichen nicht zu meinen Prioritäten. Aber ich würde auch für einen verwundeten Hund tun, was ich kann, zumindest für eine Nacht. Halt dich an mir fest.«



Sie bückte sich, bis sein Arm über ihrer Schulter lag und schlang ihren um seine Taille, die Finger in den Gürtel gehakt.



»Langsam jetzt.«



Die Entscheidung, ihm für eine Nacht Unterkunft zu gewähren, hatte sie also längst getroffen. Sie half ihm auf und hörte, wie er scharf Luft holte, als sie ihm noch mehr Halt gab. Seine Schmerzen waren stärker, als er zugeben wollte, und zudem mußte er todmüde sein. Was hatte ihn bewogen, ausgerechnet hierher zu kommen, wo er doch im Krankenhaus liegen sollte? Die klaffende Wunde in seiner Seite sah nach einer Stichverletzung aus. Suchte ihn die Polizei? Machte sie sich gerade der Beihilfe schuldig? Er würde ihr morgen vieles zu erklären haben. Ganz bestimmt.



»Stütz' dich auf mich.« Vorsichtig steuerte sie ihn durch die Küche in den kurzen Flur, der zu seinem alten Zimmer führte. Mit der freien Hand drückte sie die Tür auf und betrachtete das Bett. Die Matratze sah nackt und unbequem aus.



»Gott, das Bett sieht einladend aus«, sagte er.



Sie blieb im Durchgang stehen, sein Gewicht auf ihren Schultern. Das Zimmer war abstoßend, viel schlimmer, als sie erwartet hatte. Hier konnte sie auf keinen Fall einen Verwundeten einquartieren, nicht in all dem Dreck und Staub.



»Können wir das zu Ende bringen?« fragte Kurt. »So sehr ich es genieße, mich auf dich zu stützen ...«



»Das geht so nicht«, unterbrach sie ihn, obwohl es nur zwei Alternativen gab. Jeffs Dachzimmer unter der Gaube am Ende der steilen Treppe. Würde sie Kurt da hinauf bekommen? Die Wunde könnte sich wieder öffnen. Dazu kam, daß es im zweiten Stock kein Badezimmer gab. Dann war da ihr Schlafzimmer, das am Ende des Korridors lag, mit einem großen, bequemen Bett. Sie packte ihre Last fester und schob ihren Daumen tiefer in die Gürtelschlaufe, um ihn noch näher zu ziehen.



»Halt noch zwei Minuten durch, du Held«, sagte sie und drehte sich von seinem alten Zimmer fort. Immer noch dicht aneinander gedrängt, machten sie sich müde auf den Rückweg. An der Schwelle zu ihrem Zimmer atmete sie tief ein und führte ihn durch den Eingang bis zum Bett.



»Kein Wort!« schnappte sie. »Das Schlafzimmer ist am besten für dich. Nur für heute Nacht, nur, bis du professionelle Hilfe bekommen kannst.« Sie drehte ihn vorsichtig, bis seine Waden die Bettkante berührten, hielt ihn, während er auf der Matratze sank und drückte ihn sanft in die Kissen.



»Mann, bist du schwer«, sagte sie, als sie sich erhob. Sie knetete sich die Schulter und streckte ihren Arm. Kurt lag auf dem Rücken, seinen Unterarm über die Augen gelegt, und atmete schwer.



»Ist es so schlimm?« fragte sie.



Er nickte, ohne sie anschauen. Sie konnte sehen, wie er den Mund verzog, um den Schmerz zu bekämpfen.



»Ich hol dir was gegen die Schmerzen, damit du schlafen kannst.« Sie beugte sich über seine Beine, um ihm die Schuhe auszuziehen. Dann schüttelte sie einige Decken auf, die auf der Truhe unter dem Fenster gestapelt waren, und deckte ihn zu. Er hob den Arm gerade genug, um zu ihr hinauf zu schielen. »Keine Lust, dich ein bißchen zu mir zu legen?«



»Selbstverständlich nicht.« Wie konnte er bloß in einem solchen Moment Witze machen; noch dazu, wenn er dabei einen so schlechten Geschmack bewies? Natürlich konnte sie sich nicht neben ihn legen, konnte keinesfalls ihr Gesicht an seiner Schulter bergen, wie sie es früher getan hatte, um sich dann einzurollen und zu schlafen.



Sie holte ihm ein paar Schmerztabletten und ein Glas Wasser, doch er war schon eingeschlafen, bevor sie ins Schlafzimmer zurückgekehrte. Sie stand eine Weile da und betrachtete ihn, die tiefen Falten um seinen Mund. Es war nicht zu übersehen, wie sehr sein Gesicht sich in den letzten zwölf Jahren verändert hatte. Der jungenhafte Leichtsinn hatte erwachsenen Zügen, ja, einem Ausdruck von Zuverlässigkeit Platz gemacht, der früher nicht vorhanden gewesen war.



»Oh, Kurt«, flüsterte sie. »Warum hast du das nur getan?«



Sie verließ das Zimmer in dem Bewußtsein, daß sie die ganze Nacht in Jeffs schmalen Bett wach liegen und sich um Kurts Verletzungen sorgen würde, und darüber, was er wohl getan haben mochte, ob sie einem gefährlichen Verbrecher Schutz und Pflege gewährte. Doch die meiste Zeit würde sie wohl beten, daß er schnell verschwand und niemals die Wahrheit über Jeff herausfand.



#



Aus alter Gewohnheit erwachte Kurt bei Einsetzen der Dämmerung. Vorsichtig ließ er die verletzten Muskeln spielen. Sie schmerzten höllisch, aber nicht schlimmer als am Tag zuvor. Da sich ein Körper ständig veränderte, bedeutete keine Verschlechterung, daß die Heilung eingesetzt hatte. Die klaffende Stichverletzung pochte zwar, aber der stechende Schmerz, der gestern noch aus den Wundrändern zu dringen schien wie ein Schrei aus einem Mund, war verschwunden.



Er entspannte sich, lehnte sich zurück und sah sich im um. Es mußte Maggies Zimmer sein. Auf der Kommode standen einige Fotos in silbernen Rahmen. Auf einem waren Maggie und ein Junge zu sehen. Das mußte ihr Sohn sein. Wen mochte sie geheiratet haben? Und wo war dieser Ehemann geblieben?



Sie hatte: »Nicht mehr«, gesagt, als er fragte. Geschieden? So ein Irrer, der sie nicht zu schätzen wußte und mit einem Kind im Stich ließ?



Das andere war ein Familienfoto: Maggie, ihr Vater in seinem Ornat, ihre Mutter und ihr Bruder Phil. Es mußte aufgenommen worden sein, als sie noch auf der Highschool war.



An der Wand hingen drei gerahmte Aufnahmen immer derselben Strandszene zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Sie waren richtig gut, keine Amateuraufnahmen, sondern Bilder, die jemand gemacht hatte, der etwas vom Fotografieren verstand.



Er setzte sich auf und faltete das Kissen, um seine Schulter abzustützen. Ein schneidender Schmerz ließ ihn aufstöhnen. Nie würde er sich an den verdammten Gips gewöhnen. Er streckte die gesunde Hand nach dem Glas auf dem Nachtisch auf und entdeckte die beiden Tabletten daneben. Warum eigentlich nicht? Er schluckte eine davon schnell mit einem großen Schluck des lauwarmen Wassers hinunter und ließ sich zurückfallen.



Er hatte Maggie gegenüber behauptet, Oma habe ihn eingeladen, was auch der Wahrheit entsprach; aber diese Einladung war zwölf Jahre alt, kam kaum einen Monat nachdem er aus Branscombe geflohen war, voller Zorn über das erlittene Unrecht. Oma hatte ihm mitgeteilt, daß sein Vater einen Herzinfarkt erlitten habe, und auch, daß er bei ihr immer ein Zuhause finden würde, doch über alle anderen hatte sie sich ausgeschwiegen. Er selbst hatte ihr nie geantwortet, und sie hatte nie versucht, ihn ausfindig zu machen.



Aber es gab ja nicht viel gab, zu dem er zurückkommen wollte. Nur Maggie, und die hatte ihm allzu deutlich zu verstehen gegeben, was sie für ihn empfand, als sie weder seine Briefe noch seine Telefonate beantwortete. So war Maggie die letzte Person gewesen, die er bei seiner Rückkehr anzutreffen erwartet hatte. Es hatte ihm einen Schock versetzt, als dann ausgerechnet sie im Haus seiner Großmutter auftauchte, hatte er doch erwartet, daß Maggie Branscombe längst verlassen haben und die Erinnerung abgestreift haben mußte -- so, wie er es getan hatte. Nur daß es einmal eine Zeit gegeben hatte, als er glaubte, sie würden das alles gemeinsam tun.



Sie sah immer noch großartig aus, schlank und mit Kurven an den richtigen Stellen. Er verharrte in Gedanken einen Moment bei dem Anblick, den sie gestern geboten hatte: Shorts und T-Shirt gaben den Blick auf die nackten, gebräunten Beine frei und ein wenig Dekolleté.



Gott, wie verrückt er nach ihr gewesen war; die ganze Schulzeit hindurch und später auf dem College. Hatte nie genug von ihr bekommen können, nie genug davon, ihre glatte, kühle Haut unter seinen Finger zu spüren.



Sie trug die Haare immer noch lang, wenn auch hochgesteckt. Und es war schwer gewesen, gestern Nacht der Versuchung zu widerstehen, ihr die Haarnadeln herauszuziehen, als sie sich über ihn beugte - ganz wie früher. Dann wäre der dicke, gelbe Knoten nach vorn gefallen und hätte sich unter seinen Fingern in goldene Strähnen geteilt, die ihren Nacken und Brustansatz bedeckten.



Vor Jahren hatten all die Ränke, die sie hatten schmieden, all die Ausreden, die sie hatten erfinden müssen, um sich unter den wachsamen Augen ihrer Eltern im Geheimen zu treffen, ihren Begegnungen zusätzliche Würze verliehen. Aber es war ihm niemals nur um den Genuß verbotener Früchte gegangen. Er hatte sie geliebt.



Kurt schloß die Augen vor diesem schmerzhaften Eingeständnis, drehte den Kopf ein wenig und nahm den Blütenduft ihres Parfüms wahr, der sich in den Laken verfangen hatte. Himmel, dieser Duft schien Maggie sofort in dieses Zimmer zurückzubringen -- und in sein Bett.



Er hob die Hand, um das Kissen noch ein Stückchen höher zu schieben, und traf auf etwas Weiches, Seidiges. Er zog den Stoff unter dem Kissen hervor und schüttelte ihn auf. Es war ein dunkelblaues Nachthemd mit dünnen Träger. Er ließ das zarte Gewebe über sein Gesicht gleiten und rieb es zärtlich zwischen seinen Fingern. Wenn dies hier ihr Schlafzimmer war, wo hatte sie dann geschlafen, und was hatte sie getragen?



Er konnte sich an kaum etwas erinnern, seit sie ihn auf der Matratze abgelegt hatte. Sie mußte noch einmal zurückgekehrt sein, um die Tabletten zu bringen, aber ihr Nachthemd hatte sie nicht mitgenommen. Wahrscheinlich wollte sie ihn nicht berühren, wenn sie es vermeiden konnte.



Daran, wie sie ihm den Schlüssel aus der Hosentasche gezogen hatte, konnte er sich erinnern, auch daran, wie sich ihre Wangen dunkelrot verfärbt hatten. Er wand sich unter der Decke. Hatte es überhaupt einen Zweck, sich zu erinnern? Sie hatte ihm vor zwölf Jahren klargemacht, daß sie nichts mehr für ihn empfand, und der Empfang gestern Nacht war ebenfalls sehr kühl ausgefallen. Trotzdem hatte sie ihm geholfen; und er hätte schwören können, daß er, als sie seine Wunden versorgte, eine Spur jenes Ausdrucks in ihren Augen entdeckt hatte, den er von früher her kannte. Reine Wunschvorstellung.



Er hatte es zwölf Jahre lang vermieden, an sie zu denken, hatte sich gezwungen, die Erinnerungen an sie zu verdrängen, weil diese sie allzu lebendig wiedererstehen ließen. Und er hatte genug Zeit damit verbracht, um dennoch in einen Schlafsack gerollt von Maggie Robbins zu träumen. Sie wollte ihn nicht. Immer kam ihre Familie zuerst, war wichtiger, als die Dinge, die ihm wichtig waren. Und weil sie seine Briefe ignoriert hatte, wollte das zornige, eifersüchtige Kind in ihm nicht zulassen, mehr zu wünschen. Die gleiche störrische, ungeliebte Kinderstimme sagte ihm auch, daß Maggie seine Bedürfnisse in den Vordergrund gestellt hätte, wäre ihre Liebe zu ihm nur stark genug gewesen.



Doch jetzt, da er in ihrem Bett lag, noch den Druck ihrer Arme auf seinem Körper spürte, fragte die erwachsene, analytische Stimme von heute, was er an ihrer Stelle getan hätte. Wie hätte er denn auf die emotionale Erpressung reagiert, die er ihr zugemutet hatte? Hätte er eine Beziehung zu einer Person gewollt, die zu so etwas fähig war? Nein, er konnte Maggie nicht vorwerfen, daß sie sich von ihm abgewandt hatte. Und sie war offensichtlich gut damit gefahren, hatte jemand anderen gefunden, der sie liebte und ihr sogar ein Kind schenkte. Sein Gesicht verfinsterte sich. Wo war der Kerl? Sie hatte ihn nicht erwähnt, und es gab keinerlei Anzeichen für einen weiteren Bewohner in diesem Haus.



Kurt legte sich zurück und schloß die Augen. Er würde sich nicht in Maggies Leben einmischen. Bald würde er soweit genesen sein, daß er weiterziehen konnte. Er mußte nur ein paar Tage ausruhen und versuchen, zu Joe Kontakt aufzunehmen, ohne seinen Aufenthaltsort preisgeben zu müssen. Verdammt, dies war wirklich nicht die Art von Problemen, die er zu lösen verstand. Hätte man ihm einen japanischen Touristen anvertraut, der darauf bestand, einen Schwarzbären zu füttern und dabei seinen Arm zu riskieren, er hätte genau gewußt, was zu tun ist. Aber wenn man ihn mit einem Netz aus Betrug, Lügen und Mord konfrontierte, dann hatte er nicht die geringste Ahnung, wo er beginnen sollte.



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Maggie streckte den Arm aus und schob den Baseballhandschuh vom Nachttisch. Mit einem sanften Plopp landete er auf einem Berg verschmutzter Wäsche, die Jeff eine Minute vor seiner Abreise aufgehäuft hatte. Vorsichtig zog sie den Arm zurück und rieb sich das Gesicht. Sie sah auf die Uhr, deren Ziffern Fußballgrößen waren. Sieben Uhr morgens. Sie hatte den Minisportskanonen dabei zugesehen, wie sie über das Zifferblatt krochen, bis sie endlich gegen zwei Uhr früh eingeschlafen war.



Doch trotz eines neuen Tages waren die Problem von gestern noch da: Kurt lag in ihrem Schlafzimmer, sein Auto parkte im alten Schuppen hinter dem Haus, er war verwundet, er brauchte mit Sicherheit einen Arzt, und sie hatte nicht die geringste Ahnung, um was es eigentlich ging. Sie mußte einfach herausfinden, warum er hier war, statt in einem Krankenhaus, wohin er gehörte.



Sie schwang die Beine aus dem Bett, zog den Slip und ihren BH aus, die sie die Nacht über anbehalten hatte. Sie würde jetzt duschen und dann mit Kurt sprechen. Je eher, desto besser. Nackt, wie sie da in Jeffs Zimmer stand, wurde ihr plötzlich klar, daß sie nichts anderes anzuziehen hatte, als die Wäsche von letzter Nacht, wenn sie mal Jeffs schmutzigen Jogginganzug außen vor ließ. Die Shorts und das T-Shirt von gestern hatte sie in die Wäschetonne gesteckt, blutverschmiert, wie sie waren, und ihr Sohn verabscheute so unmännliche Kleidungsstücke wie Bademäntel.



Im Einbauschrank im Flur gab es aber große Handtücher. Mit ein bißchen Glück konnte sie sich eines umschlingen und in ihr Schlafzimmer huschen, um sich eine frische Jeans und eine sauberes Bluse zu holen, ohne Kurt zu wecken.



Das Badetuch wie einen Sarong unter den Armen verknotet, schlich sie sich die Treppe hinunter und horchte an ihrer Schlafzimmertür. Kein Laut. Vorsichtig drehte sie den Knopf und öffnete die Tür einen Spalt. Sie konnte das Ende ihres Bettes erkennen, auch Kurts Kopf und seine Schultern. Er lag auf dem Rücken, die Augen geschlossen. Er schlief also noch. Glück gehabt.



Sie öffnete die Tür etwas weiter und glitt auf nackten Füßen geräuschlos hinein. Sie ging zur Schranktür und schob sie zur Seite. Die Tür quietschte ein bißchen, als das Glas sich öffnete. Sie hielt den Atem an. Aber auf dem Bett blieb es still.



Sie atmete aus und langte nach einer Jeans.



»Mir haben die Shorts von gestern gefallen.« Die Stimme kam vom Bett. Maggie wirbelte herum, und hielt das Badetuch fest, das sich zu öffnen drohte. »Du hast geschlafen«, beschuldigte sie ihn.



»Nur gedöst. Die Treppenstufen knacken immer noch. Ist schon erstaunlich, was man alles zu sehen bekommt, wenn man sich ganz still verhält und wartet.«



Sie sicherte das Badetuch und entschied, es mit Dreistigkeit zu versuchen. »Kann ich mir vorstellen. Wie fühlst du dich?« fragte sie



Er zog sich hoch. »Ganz gut, wenn man bedenkt, was passiert ist. Ich könnte aber saubere Klamotten vertragen.« Er rieb sich mit der Hand über das blutverkrustete Hemd.



»Halt dich ruhig, sonst wird es wieder bluten. Ich ziehe mich an, und dann helfe ich dir.«



Maggie griff wieder nach der Jeans und zog blind eine Bluse vom Bügel. Sie floh, immer noch das rutschende Handtuch an den Körper gepreßt, aus dem Zimmer direkt ins Bad.



Der harte Strahl der Dusche prasselte auf ihre Schultern und ihren Rücken, während sie vor Wut über ihre eigene Dummheit schäumte. Sie hatte einfach nicht richtig nachgedacht, als sie ihn gestern Nacht in ihr Schlafzimmer verfrachtete, hatte nicht daran gedacht, daß sie dorthin zurück mußte, um sich neue Kleidung zu besorgen, hatte nicht bedacht, daß sie ihm aus Hose und Hemd würde helfen müssen. Sie hob das Gesicht in den Strahl und stellte absichtlich eine kältere Mischung ein. Zum Teufel mit ihm! Warum hatte er überhaupt zurückkommen müssen?



Sie hatte sich beinahe wieder in der Gewalt, als sie angezogen an die Schlafzimmertür klopfte und auf seine Antwort wartete. Er saß auf der Bettkante, einen Arm aus dem Hemd gezogen, und kämpfte einhändig darum, es über den Kopf ziehen zu können. Allein seine entblößte Brust war zu sehen, verziert mit dem Verband, den sie ihm letzte Nacht angelegt hatte. Die Muskeln bewegten sich glatt unter der bronzenen Haut, während er sich mit dem Hemd abmühte. Eine dünne Linie schwarzer Haare zog sich von seiner Brust herunter, bis sie unter dem geöffneten Hosenknopf verschwand. Sein Kopf war unter dem Hemd begraben. Nur seine wirren schwarzen Locken schauten hervor.



»Bist du das, Maggie?« Seine Stimme klang gedämpft. Sie schluckte und atmete tief ein.



»Wer sonst?« antwortete sie fröhlich.



»Zieh das verdammte Ding über meinen Kopf, ja?«



Sie trat vor und hielt das Hemd fest, das noch die Wärme seines schlafenden Körpers ausstrahlte. Er drängte sich an sie.



»Halt!« rief sie scharf. »Ich habe dir gesagt, daß du warten sollst. Es würde schon helfen, wenn du zuerst mal die Schlinge ablegtest.«



Schnell knotete sie das Dreiecktuch auf und zog es weg. »Und jetzt halt den Arm still.« Jetzt war es leicht, das Hemd herunterzuziehen; sie legte es zur Seite.



»Kannst du den Rest selbst erledigen?« Maggie zwang ihre Augen, nicht auf seine nackte Brust und Schultern zu sehen, und beschäftigte sich damit, das Hemd sorgfältig zusammen zu legen.



»Der Reißverschluß ...« Er zeigte mit der freien Hand darauf und stand auf. »Mit dem hier ...«, er winkte mit dem eingegipsten Arm.



»Natürlich.«



Ohne ihn anzusehen, beugte sich Maggie hinunter und griff den Metallclip mit spitzen Fingern. Sie zog ihn herunter, ohne etwas anderes zu berühren. Er wackelte mit seinen Hüften und schob seine gesunde Hand in den Hosenbund. Maggie zog noch einmal heftig und die Jeans fiel zu Boden, und gab den Blick auf den dunkelblauen Slip frei, der nichts verbarg. Sie erhob sich schnell und wandte sich ab. Soll ihn doch der Teufel gleich dreimal holen. Er hätte den Reißverschluß auch selbst öffnen können. Er hatte schon wieder mit ihr gespielt, und sie war darauf hereingefallen. Von jetzt an mußte er selbst zurechtkommen.



»Ich bin mir sicher, daß du allein duschen kannst«, sagte sie. »Ich habe einen Hocker in die Dusche gestellt, falls du dich hinsetzen mußt.«



Er beobachtete sie eingehend. Maggie war sicher, daß er sich sehr wohl bewußt war, welche Wirkung sein nackter Körper auf sie hatte, er wußte, daß sie sich der Zeit erinnerte, als sie ihm vollkommen vertraute.



»Ich habe noch ein paar Sachen von Steve. Vielleicht passen sie dir, dann werde ich sie waschen ...«



Seine Hand schoß hervor und umklammerte ihren Arm, unterbrach ihr Geschnatter und zog sie zu sich herunter.



»Steve? Warum Steve?«



»Ich habe ihn geheiratet«, keuchte sie und befreite sich. »Er ... ist gestorben.«



Die Hitze seines Körpers brannte in ihr wie Feuer, seine Finger gruben sich in ihren Oberarm, und sie sah, wie sich seine Brust hob und senkte, während er um Worte rang.



Für einen langen Moment hielt sie seinem Blick stand, als er ihr in die Augen starrte, und beobachtete, wie sich die Farbe der wirbelnde Tiefe von Blau in kaltes, eisiges Grau verwandelte. Er wußte wirklich nichts von den Dingen, die ereigneten hatten, nachdem er Branscombe verlassen hatte.



Die Muskeln seines Kiefers spannten sich unter den dunklen Stoppeln, sichtbares Zeichen seines Kampfes um Selbstkontrolle, dann sog er die Luft ein, ganz tief, sah weg und gab ihren Arm frei, die Lippen aufeinander gepreßt, daß sich die Linien um seinen Mund vertieften. Maggie rührte sich nicht, bis er das Schweigen brach.



»Ich hatte keine Ahnung«, sagte er kühl. »Laß uns ins Bad gehen.«



Sich jeder Bewegung bewußt, die sein Körper so dicht neben ihrem machte, half sie ihm zur Dusche und deckte die Verbände mit Plastikfolie ab, um sie vor der Feuchtigkeit zu schützen. Schließlich zog sie sich zurück, um nach Steves Sachen zu suchen, die auf dem Dachboden verstaut waren.



Sie hatte schon einen Fuß auf die Stiege zum Speicher gesetzt, als es klingelte. Sie zögerte. Zwar erwartete sie niemand, aber ihr Wagen parkte gut sichtbar in der Auffahrt, also konnte sie kaum so tun, als sei sie nicht zu Hause. Es klingelte wieder, diesmal eindringlicher. Seufzend kehrte sie in den langen Korridor zurück, der zur Haustür führte. Durch die Butzenscheiben konnte sie zwei dunkle, große Schemen erkennen. Schlagartig erinnerte sie sich an Kurts Wunden, auch daran, wie er auswich, wenn er erzählen sollte, was vorgefallen war, und an den Zeitungsartikel. War ihm jemand hierher gefolgt?



Sie blieb vor der Tür stehen, den Türknauf in der Hand »Wer ist da?«



»Polizei. Auf ein Wort, gnädige Frau.«



Dann lag sie richtig? Kurt war auf der Flucht? Sie öffnete die Tür einen Spalt, gerade soweit, wie es die Kette zuließ.



»Können Sie sich ausweisen?«



Der Polizist, der ihr näher stand, wirkte kaum älter als Jeff und grinste sie entwaffnend an, während er seine Marke vorzeigte.



»Kommen Sie rein.« Sie löste die Kette und öffnete ihnen. »Was kann ich für Sie tun?«



Die beiden Männer traten in den Flur, nachdem sie ihre Schuhe sorgfältig auf der dicken Fußmatte abgetreten hatten.



»Es handelt sich nur um eine Routinebefragung«, sagte der Ältere. Höflich nahmen sie ihre Mützen ab und zogen ihre Notizbücher hervor. Die Namensschilder wiesen sie als Jim Hutchins und Brad Taylor aus. Brad war der Schuljunge. Er sah von seinem Notizbuch auf wie ein Kind, das über den Hausaufgaben brütet.



»Es wird nicht lange dauern, gnädige Frau«, sagte er. »Kennen Sie Kurt Rainer?«



Diese ständige Wiederholung der formellen Anrede gab ihr das Gefühl, eine ältere Dame zu sein.



»Ja, ich kannte ihn«, sagte sie vorsichtig und befeuchtete ihre Lippen.



»Er ist Ihr Schwager, nicht wahr?«



»Er war es. Mein Mann ist gestorben, und Kurt hat Branscombe vor etwa...«, sie legte eine Pause ein, als müsse sie Erinnerung erst hervorkramen, »... zwölf Jahren verlassen.«



»Ich verstehe. Lebt seine Großmutter noch? Laut unseren Unterlagen ist dies hier ihre Adresse.«



Jim Hutchins beobachtete ihre Reaktionen genau und behielt den Flur im Auge. Gnädigerweise drang kein Laut aus dem hinteren Teil des Hauses.



»Das stimmt. Ich habe das Haus von ihr gemietet.«



Brad notierte ihre Aussage und runzelte die Stirn hinter seiner Kladde.



»Und wo wohnt sie jetzt?«



»In der Seniorenresidenz Glenhaven. Bitte mißverstehen Sie mich nicht«, sagte Maggie. »Ich helfe gern, wenn ich kann, aber um was geht es eigentlich?«



Jim Hutchins unterbrach sie: »Das will ich Ihnen gern erklären, gnädige Frau.« Er zeigte auf das Ende des Flurs, wo die Küche sein mußte. »Aber vielleicht können wir uns dazu einen Moment setzen.«



»Tut mir leid, aber da drin herrscht gerade ein ziemliches Durcheinander. Gehen Sie doch bitte ins Wohnzimmer.«



Sie geleitete sie zur Sitzgruppen und hockte sich auf eine Stuhlkante, während die Beamten auf der Couch Platz nahmen. Jim stützte die Ellenbogen auf die Knie und überflog seine Notizen. Maggie wartete ungeduldig darauf, daß er endlich anfing. Konnten die beiden denn nichts tun oder sagen, ohne diese Dinger zu konsultieren? Wahrscheinlich erinnerten sie nicht einmal an ihre Namen, ohne sie darin nachzuschlagen.



»Vielleicht wissen Sie schon, daß Kurt Rainer die Polizei bei den Untersuchungen den Tod des Johnny Gunn betreffend unterstützt?« begann Jim. Sah so aus, als dürfe Brad nur die unwichtigen Kleinigkeiten zu Beginn einer Befragung erledigen.



»Ich habe den Artikel gelesen. Was meinen Sie mit >Unterstützen

Jim ignorierte ihre Frage. »Kurt Rainer wurde bei dem Sturz verletzt und in einem Krankenhaus behandelt.« Er machte eine Pause. Maggie nickte.



»Und weiter?« Sie mußte dem Kerl ja die Würmer aus der Nase ziehen.



»Kurt Rainer ist letzte Nacht aus diesem Krankenhaus verschwunden. Wir vermuten, daß er angegriffen wurde.«



»Angegriffen? Von wem?«



»Das ist es, was wir herausfinden wollen, gnädige Frau«, warf Brad ein.



»Haben Sie ihn gesehen, oder hat er versucht, Kontakt zu Ihnen aufzunehmen?«, fragte Jim.



Maggie beobachtete die beiden Polizisten, als sie auf ihre Antwort warteten. Es schien ihr, als sei es eminent wichtig für sie zu erfahren, ob sie Kurt getroffen hatte oder nicht. Und was meinten sie mit »bei den Untersuchungen unterstützen«?



»Wird er etwa verdächtigt?« fragte sie.



»Im Moment nicht, gnädige Frau«, antwortete Jim. »Wir wollen nur sicherstellen, daß es ihm gut geht. Und wir haben noch einige Fragen an ihn; das ist alles.«



Die Entscheidung fiel so blitzartig wie die, Kurt bleiben und in ihrem Bett schlafen zu lassen.



»Nein«, sagte sie. »Ich glaube nicht, daß er herkommt. Warum sollte er auch?«



Jim zuckte die Schultern. »Familienbande. Seine Großmutter ist die einzige lebende Verwandte, die er hat, und er ist nicht in das Condo zurückgekehrt.



Condo? Natürlich. Irgendwo mußte Kurt ja zu Hause sein. Wartete dort auch eine Ehefrau auf ihn? Sie leckte sich wieder über die Lippen und erhob sich.



»Nun, meine Herren, ich wäre froh gewesen, wenn ich Ihnen hätte helfen können. Viel Glück bei Ihrer Suche nach Kurt.«



Wenn Brad eine Eigenschaft auszeichnete, war es Hartnäckigkeit. »Kein einziges Wort? Nicht einmal ein Anruf?«



»Nichts.« Die Lüge blieb ihr wie trockenes Brot im Halse stecken. Sie schluckte.



Die Polizeibeamten erhoben sich gemeinsam und steckte gleichzeitig ihre Notizbücher in ihre Taschen.



»Vielen Dank, Ms. Rainer«, sagte Brad mit seinem jungenhaften Grinsen. »Hier ist eine Telefonnummer, falls sie sich an irgend etwas erinnern oder etwas hören.« Er reichte ihr die Visitenkarte. »Es wäre in Kurts ureigenem Interesse, wenn Sie uns davon in Kenntnis setzten.«



Sie nickte. »Sicher. Ich begleite Sie noch hinaus.«



Als die Polizisten endlich aus dem Haus waren, schloß Maggie die Haustür, lehnte sich dagegen und blies hörbar die Strähnen fort, die auf ihrer Stirn klebten.



Dann sank sie zu Boden, den Rücken an die Tür gelehnt. Sie hatte die Polizei belogen. Sie hatte verschwiegen, daß der Mann, den sie suchten, halbnackt in ihrem Haus saß, daß sie seine Wunden versorgt hatte, ihm zu Essen gegeben und einen Platz zum Schlafen, aber sich weigerte, ihn anzusehen. Ihre Hände zitterten und ihr Magen revoltierte. Sie hatte noch nie jemanden derart belogen. Sie hatte ihre Knöllchen immer am darauffolgenden Tag bezahlt, und ihre Rechnungen gewissenhaft immer lange vor Fälligkeit beglichen. Jetzt fühlte sie sich wie eine Verbrecherin.



Ein Geräusch aus der Küche ließ sie aufsehen. Kurt stand im Flur, ein Handtuch um die Hüften geschlungen.



»Ich habe für dich gelogen«, sagte sie.



Er betrachtete sie ernst. »Das habe ich gehört. Danke, Maggie.« Dann rieb er sich die Arme. »Willst du da noch lange so sitzen bleiben?«



»Kann sein. Warum?«



Er zeigte auf das Handtuch. »Ich fühle mich etwas unwohl.«



»Gut. Geschieht dir recht.« Trotzdem stand sie auf und strich die Jeans über ihren Hüften glatt. »Setz Kaffee auf. Ich bin sofort zurück und dann werden wir reden.«





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