Pat's, Anja's & JJ's Working Place


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Kapitel 4



Der Dachboden war dunkel und muffig, Staubteilchen schwebten in den schmalen Lichtstrahlen, die durch das einzige schmierige Fenster fielen. Maggie haßte es, hier heraufzukommen. Spinnenweben blieben in den Haaren hängen, und winzige Kratzgeräusche ließen sie überlegen, was sich wohl hinter den alten Dachtraufen verbarg. Der Kammerjäger hatte ihr versichert, hier gäbe es nichts schlimmeres als ein paar Insekten, aber trotzdem ...



Sie schaltete die Glühbirne ein, die an der Decke hing und tanzende Schatten durch die Ecken jagte. Steves Sachen waren alle hier oben. Als er starb, wollte sie sie nicht mehr berühren müssen. Sie hatte von trauernden Witwen gehört, die sich nachts an ein altes Hemd klammerten, etwas mit ins Bett nahmen, das den Geruch des Liebsten hielt, und Trost darin fanden, sich die Wärme des lebenden Körpers vorzustellen. Sie nicht. Sie hatte alles in ein paar Kartons gepackt, das Rascheln von Papier in den Taschen und das Klingeln von Münzen ignoriert. Aus den Augen, aus dem Sinn; sie hatte Steve aus ihrem Leben verbannen wollen.



Manchmal fühlte sie einen Anflug von Schuld. Jeder verdiente es, betrauert zu werden, und sie trauerte ja auch. Sie weinte um das, was hätte sein können, darum, daß Jeff zwei Väter verloren hatte, um des schwachen, rachsüchtigen Mannes willen, der Kurts Halbbruder gewesen war.



Später, als sich ihr Leben wieder in geordneten Bahnen bewegte, dachte sie nur selten an die Kleidungsstücke. Und falls sie es doch tat, dann mit dem Wissen, daß sie die Aussicht, einen Fremden in einem Anzug, den sie kannte, über die Straße gehen zu sehen, nicht verlockend fand. Sogar noch nach Monaten, ließ der Anblick eines kastanienbraunen Schopfes, einer munteren, frechen Gangart ihr Herz vor Unruhe klopfen, obwohl sie wußte, daß Steve nicht wiederkommen würde.



Sie zog einen der Kartons heran und öffnete die Klappen. Hemden und Pullover lagen obenauf. Schnell, ohne bei ihren Erinnerungen zu verweilen, suchte sie ein paar Sachen heraus, die ungetragen aussahen, stapelte den Rest neben sich auf und grub tiefer nach Hosen. Sie zog eine dunkelblaue Kaschmirjacke heraus, die Steve kurz vor ihrer Hochzeit gekauft, aber selten getragen hatte. Sie glättete das weiche Material mit den Fingern und schüttelte es aus, bevor sie es wieder zusammenlegte. Irgendwelche Papiere waren in die Taschen gestopft, zerstörten die elegante Linie. Wahrscheinlich eine alte Rechnung, eine von vielen, die Steve bequemerweise "vergaß". Sie ließ sie, wo sie war, und konzentrierte sich auf das, was sie suchte.



Einige Minuten später zog Maggie die Speichertür hinter sich zu und trug den Stapel Kleider in die Küche. Dieser Raum schien zum Mittelpunkt ihres Lebens geworden zu sein, das Niemandsland, in dem Kurt und sie sich begegnen konnten, sich vorsichtig umkreisend, gegenseitig abschätzend. Sie hätte ihm gern wieder vertraut, hätte ihm gern von seinem Sohn erzählt, seine Arme gespürt, die den Schmerz von zwölf Jahren wegwischten. Aber er war ohne ein Wort verschwunden, hatte nie versucht, Kontakt mit ihr aufzunehmen, herauszufinden, wie ihr Leben verlief. Zwölf Jahre waren eine verdammt lange Zeit, sagte sie sich, eine lange Zeit, um jemanden zu ignorieren, den man angeblich liebte. Jetzt saß er in ihrer Küche und brauchte Hilfe, nachdem er sich wieder mal in eine schwierige Situation manövriert hatte. Diesmal könnte es ernst sein. Es würde mehr brauchen, als ein paar zweideutige Witze, um ihr Vertrauen wiederherzustellen, damit sie ihm ihren Sohn anvertraute.



Kurt saß wieder am Tisch, mit nacktem Oberkörper, ein Handtuch um die Hüften geschlungen. Es reichte ihm kaum bis zu den Knien, und sie konnte die festen, von vielen Jahren der ständigen Anstrengung durchtrainierten Wadenmuskeln sehen. Er war immer der erste auf dem Gipfel gewesen, derjenige, der andere hinter sich her zog, ihnen seine Kraft lieh. Warum hatte er sie im Stich gelassen, dieser junge Mann, der eifrige Kinder trainierte, verletzte Hunde rettete und sie geliebt hatte wie niemand nach ihm?



Sie schlug sich diese Gedanken aus dem Kopf und hielt ihm die blauen Sachen hin.



"Probier das mal", sagte sie. "Ist ein Jogginganzug. Keine Reißverschlüsse, die dir Probleme bereiten könnten."



Er sah zu ihr hoch, den Schalk in den Augen. Sie hatte recht gehabt - er hatte sie zum Narren gehalten, die Schwierigkeiten nur gespielt. Immer schon hatte er jede Gelegenheit gesucht, sie zu berühren, sie dazu zu bringen, ihn zu berühren. Klar, hatte es eine Zeit gegeben, in der sie eine willige Komplizin gewesen war. Er war immer ein sinnlicher Mann gewesen und hatte ihr gezeigt, wie schön es war, in ihrer eigenen Sinnlichkeit zu schwelgen.



Sie ließ die Sachen vor ihm auf den Tisch fallen. "Zieh das an", sagte sie. "Dann reden wir."



"Danke, Maggie", sagte er, und stemmte sich auf die Füße. "Bin gleich wieder da. Kaffee läuft."



Sie schenkte den Kaffee ein, während er ins Bad ging. Fünf Minuten später tauchte er in Steves Trainingsanzug wieder auf, der ein bißchen eng in den Schulter und zu kurz an den Beinen war. Er sah besser aus, erholter, Mund und Kiefer entspannter. Er hinkte zum Tisch zurück. Die Schlinge stabilisierte den Arm nicht länger am Körper. Der Rand des Gipsverbands lugte unter dem Strickbündchen hervor.



Maggie enthielt sich jeden Kommentars über die fehlende Schlinge und stellte ihm eine Tasse und die Zuckerschale hin. "Immer noch schwarz?" fragte sie.



"An der Art, wie ich meinen Kaffee trinke, hat sich nichts geändert", sagte er. "Schwarz wie die Nacht, süß wie die Liebe und heiß wie die Hölle." Er grinste sie an.



Sie weigerte sich, ihn anzusehen, beschäftigte sich mit Milch und Zucker für ihre eigene Tasse und setzte sich ihm gegenüber.



"Rede", sagte sie nach dem ersten Schluck.



Er nahm seinerseits einen großen Schluck von seinem Kaffee. "Was weißt du?" sagte er vorsichtig.



"Nur, was ich in der Zeitung gelesen habe. Du hast für eine Filmgesellschaft gearbeitet, und deren Star ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Einige Leute scheinen der Meinung zu sein, du wärst dafür verantwortlich."



Er schüttelte den Kopf und verzog den Mund. "Niemals, Maggie. Du weißt, daß ich nichts und niemanden töten könnte."



Sie beobachtete ihn über den Rand ihrer Tasse hinweg, hielt sie wie einen Schild. Was er sagte, war einmal wahr gewesen.



Vor fünfzehn Jahren hatten sie einen schwarzweißen Mischling gefunden, als sie mit dem Wagen unterwegs gewesen waren. Jemand hatte ihn angefahren und blutend am Straßenrand liegengelassen. Sie erinnerte sich daran, wie Kurt anhielt, das zitternde Tier zärtlich in eine Decke wickelte und sich mit ihm auf den Rücksitz setzte. Er hatte es die ganze Zeit gestreichelt und mit ihm gesprochen, während sie zur Tierklinik fuhr.



Sie erinnerte sich der Tränen, die in seinen Augen gestanden hatten und die überzulaufen und sein Macho-Image zu zerstören drohten, als der Hund starb. Sie erinnerte sich auch an seine heiße Wut gegen den skrupellosen Fahrer. Sie wußte, daß er unbarmherzig den wenigen Spuren gefolgt war, den Fahrer gefunden und ihn eines Nachts auf einem Parkplatz zusammengeschlagen hatte. Kurt Rainer war eine Ansammlung von Widersprüchen, der oft die schimmernde Rüstung des Helden trug, aber genauso fähig war, die Beherrschung zu verlieren und in Rächermanier um sich zu schlagen. War er nicht aus ihrem Leben verschwunden, gerade, als sie ihn am meisten gebraucht hätte?



Welche Rolle hatte er gespielt, als Johnny Gunn starb? "Also, erzähl mir, was passiert ist", antwortete sie, so ruhig sie konnte.



Er setzte sich bequemer hin und hielt die Kaffeetasse in beiden Händen. "Zehn Jahre lang", begann er langsam, "habe ich als Naturführer und Ausrüster gearbeitet, größtenteils im Gebirge. Habe sogar kürzlich etwas Geld als Stuntman verdient. Ich mag die Leute nicht besonders, und frage mich manchmal, ob es richtig ist, der Allgemeinheit zu zeigen, wie schön die Berge sind. Es ermutigt nur noch mehr Leute dort einzudringen."



"Das hat nichts damit zu tun, daß die Polizei dich sucht", sagte sie ungeduldig.



"Sei ein wenig nachsichtig mit mir, Maggie. Ich kann das nur auf meine Art erzählen." Er machte eine Pause. "Ich muß es in meinem Kopf auch erst sortieren. Du warst immer eine gute Zuhörerin", setzte er hinzu.



Tiefschlag, dachte sie. Sie hatte ihm stundenlang fasziniert zugehört, seinen Problemen mit seinem Vater und seinen Plänen, den alten Mann stolz auf ihn zu machen, obwohl sie sich immer darüber gewundert hatte, was mißhandelte Kinder so entschlossen machte, ihren Wert zu beweisen.



"Erzähl weiter", sagte sie, die Bemerkung ignorierend und stand auf, um Kaffee nachzuschenken.



"Ich habe schon früher für die Star-Gesellschaft gearbeitet. Sie haben in diesen neuen Film viel investiert, und, soweit ich das beurteilen konnte, lief es nicht gut. Johnny Gunn, der Star, ist - war - der verwöhnte Macho-Typ. Er hat so ein paar Rambo-Filme gemacht, hatte aber Höhenangst. Ich wette, das hast du nie in der Werbung gelesen, stimmt's?" Kurts Lippen verzogen sich angewidert. "Egal, deswegen brauchte er auf jeden Fall einen guten Stuntman und ein Double. Danke!" Er löffelte Zucker in den frischen Kaffee.



"Also, Johnny hatte natürlich ein Double", fuhr er fort. "Aber wir brauchten eine Aufnahme von ihm in den Seilen am Rand der Klippe. Ich habe alles überprüft - zweimal - und bin dann noch ein drittes mal zurückgegangen. Es war nicht wirklich gefährlich. Er sollte nur ein paar Minuten über dem Abgrund hängen, sein Gesicht voller Schmerz verziehen - wir wußten, daß er sich in Wirklichkeit in die Hosen machte, aber die Zuschauer würden denken, es ist alles mutige Konzentration."



Maggie hob ihre Tasse und hielt sie in beiden Händen vor ihrem Gesicht und beobachtete ihn über den Rand hinweg. Sie versuchte, ihn sich in seinem Element vorzustellen, der Experte unter Anfängern.



"Es gab eine Menge Spannung am Set", sagte er. "Ich hatte einen Streit mit Johnny, der ständig versuchte, mich niederzumachen, die Sicherheitsregeln ignorierte, herumstolzierte, wie ein Gockel. Ich hatte auch gehört, daß es Geldprobleme gab. Sie haben das Budget und den Zeitplan überzogen. Darüber hinaus weigert sich die Hauptdarstellerin weiterzumachen, bis man ihr irgendwelche Zugeständnisse macht - Gott allein weiß welche. Ich hatte nicht die Geduld oder das Interesse ihre Streitigkeiten zu verfolgen."



Maggie lächelte verständnisvoll. Er hatte Narren noch nie gut ertragen können.



"Ich sehe also zu, daß Johnny angeseilt ist, gehe einen Schritt zurück, lasse ihn los, und er fällt dreihundert Meter tief." Kurt sah ihr gerade in die Augen. "Den Schrei werde ich nie vergessen. Sie haben alles gefilmt. Alles was noch oben stand, war die Winde - von der Kamera aus natürlich nicht zu sehen - und das abgeschnittene Seilende. Geschnitten, nicht gebrochen oder ausgefranst. Meine Seile fransen sowieso nicht aus. Das wäre nachlässig und gefährlich."



Maggie setzte ihre Tasse ab und griff nach Kurts Hand. Er legte seine fest um ihre Finger.



"Was ..." begann sie.



Kurt setzte sich aufrechter hin und unterbrach sie. "Die Polizei kam und bestätigte, was ich bereits wußte - eines der Seile war durchschnitten worden. Muß passiert sein, nachdem ich wegging, um mir einen Kaffee zu holen, als sie die Kameras aufbauten. Alle möglichen Leute liefen durcheinander, aber ich bin der einzige, der zugibt, die Seile angefaßt zu haben."



In dem Moment schellte es. Instinktiv schob Maggie ihren Stuhl zurück, um aufzustehen, aber Kurt hielt sie zurück, indem er ihr Handgelenk umfaßte.



"Wenn das wieder die Polizei ist ..." sagte er.



"Keine Angst", antwortete sie. "Ich werde ihnen nichts erzählen. Zumindest nicht, bis ich die ganze Geschichte gehört habe."



Nur eine Person war durch das Glas der Haustür zu sehen. Unwahrscheinlich in dem Fall, daß es sich um das Gesetz handelte. Sie öffnete vorsichtig die Tür und alles was sie sah, war ein riesiges Gesteck von Rosen.



"Was ...?"



Ein fröhliches Gesicht lugte um das extravagante Gebinde. "Ms. Rainer?" fragte der Botenjunge.



"Ja."



"Für sie, gnädige Frau. Viel Spaß." Damit drückte er ihr die Rosen in die Arme und ging zurück zu seinem Lieferwagen.



Sie konnte kaum über die creme- und rosafarbenen Blüten hinwegsehen und ein vorwitziger Farnwedel kitzelte ihre Nase. Vorsichtig ging sie zurück in die Küche und setzte den Korb auf der Arbeitsplatte ab. Kurt kam aus seinem Zimmer, einen etwas einfältigen Ausdruck im Gesicht.



"Ich dachte, ich halte mich lieber außer Sicht", sagte er.



"Verstehe." Sie berührte die perfekten Blüten mit den Fingerspitzen. Ihr Duft begann bereits, den Raum zu füllen.



"Ein Bewunderer?" fragte Kurt.



"Vielleicht ..." Sie konnte die Karte sehen, wußte sehr genau, wer ihr ein so teures Geschenk schickte. Damit konnte sie sich jetzt nicht auseinandersetzen. Sie wollte den Rest von Kurts Geschichte hören.



"Willst du nicht wissen von wem sie sind?" Kurts Stimme klang neckend.



"Sind sie von dir?" sagte sie herausfordernd.



"Guter Gott, nie im Leben. Entschuldige, ich meine ..."



"Ich weiß, was du meinst. Ich seh mir die Karte später an." Wenn ich allein bin, fügte sie im Stillen hinzu. Immer eins nach dem anderen. Die Rosen waren eine Störung. Sie wollte sich auf Kurts Geschichte von Johnny Gunns Tod konzentrieren.



"Möchtest du draußen sitzen?" fragte sie.



Sie sah ihn zögern. "Man kann die Terrasse nicht einsehen", fügte sie hinzu. "Sie ist gut abgeschirmt."



"Großartig. Ich brauche frische Luft. Geh du vor."



Sie trug die Kaffeetassen und eine Schale mit Plätzchen nach draußen auf die Ziegelterrasse. Das Spalier, daß sie vor den neugierigen Blicken der Nachbarn schützte, war bedeckt mit dunklen Weinblättern und warf gefleckte Schatten auf Tisch und Stühle. Die Sonne wärmte die Steine, die eine angenehme Temperatur zurückwarfen.



Kurt sank mit einem Seufzer auf eine gepolsterte Chaiselongue.



"Ist zwar keine Bergluft", sagte er tief einatmend, "aber um Klassen besser als Krankenhausluft."



Maggie griff nach ihrer Tasse und nahm einen Keks. Sie wußte nicht mehr, wie viele Tassen sie schon getrunken hatte. Die Wirkung des Koffeins nach einer schlaflosen Nacht stieg ihr zu Kopf. Alles erschien ihr unwirklich, und Kurt anzusehen, der ihr gegenüber saß, trug zu der traumähnlichen Beschaffenheit des Morgens nur noch bei. Sie hätte nie geglaubt, daß sie einmal hinter ihrem Haus sitzen und sich mit Kurt Rainer unterhalten würde, als wäre er nie weggewesen. Sie brauchte die ganze Geschichte, so daß sie herausfinden konnte, wie sie ihn wieder aus ihrem Leben bekam.



"Erzähl mir den Rest", sagte sie. "Wie bist du verletzt worden?"



"Ich habe ihn gesichert."



"Du hast das Seil gehalten?"



"Genau. Die Wucht seines Falls hat mich mit über die Kante gerissen."



"Wieso sucht dich dann die Polizei?"



Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor dem Bauch. "Glücklicherweise hat der Bulle, der die Sache untersucht einen gesunden Menschenverstand. Sein Name ist Joe Ventriss. Wir gehen gelegentlich ein Bier trinken, wenn ich in der Gegend arbeite. Wir haben uns, inoffiziell, lange über Johnnys "Unfall" unterhalten. Joe ist ein netter Kerl, aber er will Ergebnisse. Er hat mir ein Angebot gemacht, dem ich nicht widerstehen konnte."



Er öffnete ein Auge und sah sie an. "Du kennst mich", sagte er mit einem schiefen Lächeln. "Ich hatte immer schon eine Schwäche fürs Risiko, vorausgesetzt, die Chancen stehen gut. Es sah aus, als versuchte jemand, mir die Sache in die Schuhe zu schieben - nicht sehr gekonnt, aber die Indizien belasteten mich."



Sie hörte ihm interessiert zu, verfolgte die verschiedenen Emotionen, die über sein Gesicht spielten. Das schrille Klingeln des Telefons riß sie aus ihrer Konzentration. "Verdammt", sagte sie. "Es dauert nicht lange. Das könnte Jeff sein."



Sie nahm das Gespräch in der Küche entgegen und sprach leise.



"Hallo Mama", schrie Jeff. "Kannst du mich verstehen?" Im Hintergrund war Stimmengewirr zu hören, und es klang, als trommele jemand auf einem Blechtablett. "Du mußt lauter sprechen, Mama", schrie Jeff. "Hier ist eine Menge los."



Sie hielt sich das andere Ohr mit dem Finger zu, den Telefonhörer ein Stück weg und wandte von der offenen Küchentür ab.



"Wie geht es dir?" sagte sie laut.



"Prima. Tim hat sich nach dem Frühstück übergeben. Ich habe ihm geholfen, es aufzuwischen."



"Wirklich? Das war nett von dir. Ist er krank?"



"Nicht wirklich. Irgendwie war es meine Schuld. Ich habe ihm erzählt, daß man mit Würmern überleben kann, wenn man muß. Weißt du, wie dieser Stamm in Südamerika, von dem ich gelesen hab."



Sie überging die Details. "Und, gefällt es dir?"



"Klasse. Wir gehen heute wandern und morgen Bergsteigen. Und Kajakfahren."



Ihr sank das Herz, bei den Bildern, die er heraufbeschwor. "Klingt toll. Sei vorsichtig. Wie ist das Essen?"



"Grauenhaft. Heute mittag gibt's Kotze auf'm Brötchen", sagte Jeff fröhlich.



"Hört sich doch gut an."



"Ich muß auflegen, Mama. Wir sind gerade mit Spülen fertig."



Sie verbot sich die Frage, wieviel Geschirr noch heil war. "Schön, von dir zu hören. Rufst du noch 'mal an?" sagte sie, wollte den Kontakt noch nicht abbrechen.



"Wahrscheinlich nicht. Die anderen sagen, daß man ein Weichei ist, wenn man seine Mutter anruft, darum hab ich mich dieses eine mal weggeschlichen. Werd's wohl nicht noch 'mal machen."



"Verstehe. Ich weiß das zu schätzen. Ich hab dich lieb."



"Ja, Grüße an Roger."



Sie stand noch einen Moment da und hörte dem Freizeichen zu, bevor sie einhängte. Das Herz wurde ihr weit vor lauter Liebe für diesen fröhlichen, abenteuerlustigen Jungen, der ihr Leben mit soviel Freude erfüllt hatte, trotz des seelischen Schmerzes der ersten Jahre. Es war beinahe, als stünden die vier Männer in ihrem Leben um sie herum in der Küche wie Geister, als sie ihren Mut zusammennahm, um zurück nach draußen zu gehen. Jeffs Stimme hallte in ihren Gedanken nach. Sie hatte zum ersten Mal seit Jahren die Kleiderkartons ihres verstorbenen Mannes geöffnet. Roger hatte ihr wunderschöne Rosen geschickt, und Kurt, der unter Mordverdacht stand, Jeffs richtiger Vater, saß kaffeetrinkend auf ihrer Terrasse. Nur ein weiterer wundervoller Tag in der Nachbarschaft! Sie seufzte und preßte Daumen und Zeigefinger auf ihre Augenlider. Sie brauchte Zeit, um die Geschichte des Mordes an Johnny Gunn zu verarbeiten.



Als sie auf die Terrasse trat, lag Kurt mit geschlossenen Augen in der Sonne. Sie betrachtete ihn einen Moment lang. Noch hatte sie nicht die ganze Wahrheit gehört. Sein Geschichte deckte sich mit dem, was sie in der Zeitung gelesen hatte, mehr oder weniger. Aber er hatte ihr noch immer nicht gesagt, warum die Polizei hiergewesen war und woher er die Wunde in der Seite hatte.



Sie lehnte sich gegen die Wand, fühlte das rauhe Holz unter ihren Schulterblättern.



"Was gibt es noch zu erzählen?"



"Ich sagte Joe, ich würde mit ihm arbeiten, das ist alles."



"Erzähl."



"Ich habe ihm mein Wort gegeben dichtzuhalten."



Maggie trat einen Schritt nach vorn, so daß sie über ihm stand. Er sah mit demselben Grinsen zu ihr auf, mit dem er ihr erzählt hatte, daß es egal war, wann sie zu Hause sein mußte, daß er sie schon wieder reinschmuggeln würde, ohne daß ihre Mutter aufwachte.



"Ich muß wissen, warum ich für dich meinen Kopf hinhalte", sagte sie.



Er setzte sich auf. Das Grinsen verschwand. "Klar, Maggie. Ich weiß deine Hilfe zu schätzen. Aber wenn du willst, daß ich gehe ..." Er schwang seine Beine auf den Boden.



"Ich habe dich auch letzte Nacht hierbleiben lassen, aber ich muß wissen, was hier vorgeht. Warum sucht dich die Polizei?"



"Das ist eine lange Geschichte ..."



Maggie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. "Erzähl", wiederholte sie.



Kurt seufzte und rieb sich mit den offenen Händen übers Gesicht. "Sagte ich schon, daß Joe klug und verschlagen ist? Seine Nase sagte ihm, daß etwas nicht stimmte, aber er brauchte mehr Zeit, um herauszufinden, was das war, und zwar ohne die ganze Zeit im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen. Er bat mich, die Geschichte, die die Zeitungen verbreiteten, mitzuspielen. Er hätte mich natürlich auch so verhaften können, aber er ist ein höflicher Mensch, also hat er mich erst gefragt. Jetzt kann Joe in Frieden und unbeobachtet seinen Untersuchungen nachgehen."



"Also war alles nur Show?"



Kurt nickte. "Einiges. Hör mal Maggie, Ich würde Joe gerne anrufen, ihn wissen lassen, daß ich hier bin. Mit ihm abklären, wieviel ich dir erzählen kann. Kann ich mal telefonieren?"



"Habe ich eine Wahl?"



"Natürlich hast du die." Er sah sie freimütig an. "Soweit es mich betraf, hattest du immer eine Wahl."



Sie fühlte die Röte in ihr Gesicht steigen und stand hastig auf, verzweifelt bemüht, einen Grund zum Gehen zu finden. "Ich muß noch einkaufen", sagte sie. "Wenn du hierbleibst..."



"Danke", sagte er. "Nur für ein paar Tage."



"Nicht länger", antwortete sie und ging zurück ins Haus.



Die Küche war voll vom Duft der Rosen. Sie nahm ihre Schlüssel vom Haken bei der Tür und schnappte sich im Vorbeirennen ihre Tasche. Ihr war, als könne sie in der Atmosphäre im Haus plötzlich nicht mehr atmen. Unterschiedliche Erinnerungen und Loyalitäten zogen sie bald in die eine, bald in die andere Richtung. Sie würde ein wenig durch die Gegend fahren, ein paar Sachen einkaufen, vielleicht ein paar Fotos schießen.



Vertraute sie ihm? Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf herum. Jeff, Steve, Roger, Kurt. Jeff war ihre oberste Priorität. Er war der einzige, der wichtig war. Was immer sie tat, mußte für ihn gut sein.





*





Die Haustür schloß mit einem gedämpften Schlag, und Kurt ging zum Schlafzimmerfenster, um ihr nachzusehen. Er zuckte zusammen, als sie die Gänge maltraitierte und der Motor hustete und spuckte. Warum fuhr sie ein solches Wrack? Sie mußte sicherlich inzwischen genug verdient haben, um sich einen besseren fahrbaren Untersatz leisten zu können. War vom Geld der Familie nichts mehr übrig?



Er hätte gern gewußt, wie es in ihrem Leben aussah - welcher Romeo diesen Riesenhaufen Rosen in der Küche geschickt hatte. Natürlich mußten sie von irgendeinem Mann sein. War sie mit jemandem zusammen? Die Woge von Eifersucht, die ihn erfaßte war völlig unsinnig und überraschte ihn. Sie hatte nervös gewirkt, als sie die Blumen abstellte, und war rot geworden. Er kannte diesen Ausdruck. Immer wenn sie etwas versteckte, oder ihr etwas peinlich war, zog sie genau so den Kopf ein und vermied es, einen anzusehen. Sie war schon immer eine schlechte Lügnerin gewesen.



Seine Blick fiel auf das Foto von Maggie und ihrer Familie auf der Kommode. Diese angeborene Integrität hatte ihr das Leben immer schwer gemacht. Sie war zugeknöpft gewesen, hatte Angst gehabt, sie alle in Verlegenheit zu bringen, besonders als sie noch zur Schule ging. Kurt hatte damals natürlich schon für seinen Vater gearbeitet und sich selbst einen schlechten Ruf verschafft. Er sammelte Strafzettel wie Konfetti. Alles, um gegen Autorität in jeder Form zu rebellieren.



Sie hatte ihn von seinem Motorrad geholt, hatte den Führerschein erst eine Woche und war gerade siebzehn geworden. Natürlich bewegten seine und ihre Familie sich nicht in den gleichen Kreisen, dafür sorgte schon die streitlustige Art seines Vaters. Er hatte sie zwar schon ein paarmal gesehen, bevor er die Schule verließ, aber da war sie bloß ein Kind gewesen. Sie hatte sich verändert. Er gluckste in sich hinein, als er die Erinnerung Revue passieren ließ.



Sie war aus dem Auto gestürmt, die Haare vom Winde verweht, blaß vor Schock, die Augen angstgeweitet. Und er lag unrühmlich auf der Straße ausgestreckt, neben dem Motorrad, daß er sich selbst zu seinem zwanzigsten Geburtstag gekauft hatte, weil ihm sonst außer Oma niemand etwas geschenkt hatte. Er wußte nicht mehr, was ihn schlimmer getroffen hatte, der Schaden an seinem Motorrad, oder der, den sein Stolz erlitten hatte.



Sie hatte sofort die Verantwortung für den Unfall übernommen, sichtlich erleichtert, daß er nur ein paar Schrammen davongetragen hatte. Jeder, der von dem Zwischenfall gehört hätte, hätte nur wissend genickt und über "den verdammten Rainer-Hitzkopf" gemurrt. Aber sie hatte den Mund gehalten. So fing es an, und schon bald schlich sie sich aus dem Haus, um ihn zu treffen, verbrachte soviel Zeit wie möglich mit ihm.



Kurt nahm das Foto in die Hand und sah sich die Gruppe näher an. Da stand Phil, ihr Bruder, mit diesem verstohlenen Ausdruck im Gesicht. Er war ein Teil des Problems. Komisch, daß sowohl Maggie als auch er so armselige Kreaturen als Brüder hatten. Bewies doch wieder, daß manches in der Natur lag. Maggies Eltern waren großartig gewesen. Wenn die Leute dachten, Kurt wäre übel gewesen, Phil war eine Katastrophe. Eine furchtbare Schande für seine Familie. Kurt war wild gewesen, aber Phil war einfach unehrlich.



Maggie hatte ihren Eltern nicht noch mehr Leid zufügen wollen, und Kurt, der sie liebte, hatte das verstanden. Er hatte sie so sehr gewollt, aber er hatte auf sie gewartet, geduldig. So ungefähr das einzige, auf daß er je zu warten bereit gewesen war. Er schloß die Augen, seine Finger legten sich fester um den Rahmen, während die Erinnerungen durch seinen Kopf jagten, jede einzelne glühend lebendig. Sie rissen an seinem Herzen, erdrückten es mit fast physischem Schmerz. Das erste Mal, als sie sich geliebt hatte. Sie waren so jung gewesen. Er streckte sich auf dem Bett aus, einen Arm über den Augen. Die Erinnerungen liefen wie ein Film vor seinem geistigen Auge ab. Er konnte nichts tun, um ihn zu stoppen, sah die Bilder eins nach dem anderen vorbeifließen, als würden sie auf seine geschlossenen Lider projiziert.



Jedes Detail der Wanderung auf einem einsamen Pfad an einem perfekten, warmen Tag war in seine Erinnerung eingegraben. Maggie trug geblümte Shorts, die ihre langen, schlanken Beine freiließen, und eine weite Bluse, die quälend verführerische Einblicke auf die weißere Haut an ihrem Brustansatz gewährte. Er war froh gewesen, die meiste Zeit vor ihr her gehen zu können, vermied es so, seine Augen auf der Versuchung ruhen zu lassen. Allerdings war seine Vorstellungskraft davon unbeeinflußt geblieben.



Sie sollte in der folgenden Woche mit dem College anfangen, und er hatte sich wilder denn je benommen, um sie zum Lachen zu bringen. Hatte die ganze Zeit über versucht, seine Furcht vor dem Elend und der Einsamkeit, die ihn einholen würden, sobald sie fort war, vor ihr zu verbergen.



Er konnte seine Arme um ihren Körper spüren, ihre Haarsträhnen, die über sein Gesicht wehten. Am Ende hatte sie sich ihm ergeben. Kleidungsstücke fielen, seine Hände erkundeten ihre Haut, wagten sich in unbekanntes Gebiet vor. Sie war an den Konturen seines Körpers entlanggefahren, hatte ihn mit ihren Fingerspitzen ertastet und quälende Blitze über seinen Rücken und seine Oberschenkel gejagt. Seine Probleme mit seinem Vater, die Enttäuschung, die Schule nicht fertigmachen zu können, der Haß auf die monotone Arbeit, all das hörte auf zu existieren. Er verlor sich in der Berührung ihrer Haut, der Wärme ihrer Hände, dem köstlichen Geschmack ihrer Lippen.



Nach diesem ersten Mal hatte er sie warten lassen, heimlich voll panischer Angst, vor einem etwaigen Ergebnis ihrer Zusammenkunft. Er hatte nicht erwartet, auf einer Bergwanderung Kondome zu brauchen, nachdem sie sich ihm so lange verweigert hatte. Sie hatte ihn beruhigt, war die stärkere von beiden gewesen. Und sie hatten Glück gehabt, dieses Mal. Von da an hatte sich sein ganzes Universum verändert. Es war, als hätte sie ihm die Welt auf einem Silbertablett präsentiert. Sie war wundervoll. Tagelang hatte er auf Wolken geschwebt, hatte gewußt, daß er Berge versetzen konnte. Sie war aufs College gegangen, aber sie lebten füreinander, suchten die Gesellschaft des anderen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Was hatten sie nicht für Pläne gehabt.



Er setzte sich auf dem zerwühlten Bett auf und stöhnte, als er sich an sein Versprechen erinnerte, sie ewig zu lieben, ihr niemals wehzutun.



Sie hatte es nie erfahren, aber während sie fort war, hatte er Fernkurse belegt, um seinen Abschluß nachzuholen, und sie mit seiner Bildung und seiner Intelligenz zu überraschen, und mit seiner Fähigkeit ihr einen guten Lebensstandard bieten zu können. Dann kam der große Zusammenstoß mit seinem Vater, und Maggies Weigerung, ihm zu folgen.



Kurt entließ seinen Atem in einem langen Seufzer und stand auf, das Familienfoto noch immer in der Hand. Vorsichtig stellte er es wieder zu den anderen. Er rieb sich mit der Hand kräftig über den Nacken in einem Versuch, die Verspannung loszuwerden, entspannte bewußt die steifen Muskeln. Er fühlte sich müde und leer.



Es gab nur noch ein weiteres Foto in einem passenden Silberrahmen. Nur Maggie und der Junge. Sollten da nicht mehr sein? Wo waren die Bilder von Steve? Merkwürdig, daß sie kein Familienbild hatte. Sie hatte Steve geheiratet.



"Steve, das Wiesel", hatte Kurt ihn genannt. Nicht sehr nett. Gutaussehender Junge natürlich. Ständig zwischen den Füßen seines großen Bruders, als er klein war. Ihm nachplärrend, wollte er immer das gleiche tun, was er tat, zog sich genauso an. Er war sogar willens, alte Sachen aufzutragen, wenn sie von Kurt kamen. Wirklich ein komisches Kind. Und jetzt war er tot.



Mit einem Schulterzucken trat Kurt von den Fotos zurück, zog an der Tagesdecke, um sie zu glätten und ging zurück auf die Terrasse. Sinnlos, in der Vergangenheit zu stochern. Er sollte sich diese masochistische Zügellosigkeit verbieten, bevor sie richtig anfing. Er wußte, was sie ihm antat.



Die Ruhelosigkeit wallte in ihm auf. Er fühlte sich unausgeglichen, nervös. Das Nichtstun ging ihm auf die Nerven. Er stopfte sich zwei Kekse in den Mund und trug seine Tasse nach drinnen. Erstmal mußte er jetzt telefonieren.



Joes Anrufbeantworter schaltete sich nach zweimaligem Klingeln ein. Der Polizist war nicht im Büro, daher hinterließ Kurt Maggies Nummer und hoffte, daß Joe der einzige wäre, der seine Nachrichten abhörte.



Kurt streckte seinen gesunden Arm über den Kopf und versuchte, die Schultern zu rollen. Gott, er wurde steif. Aber er fühlte sich schon viel besser, fast normal, wenn er sich nicht zu schnell bewegte. Was sollte er nur mit sich anfangen, während er auf Joes Anruf wartete und darauf, daß Maggie zurückkam? Auf andere Leute zu warten war verdammt frustrierend. Er tigerte durchs Haus.



Wieder an Maggies Schlafzimmertür angelangt, blieb er stehen und sah sich um, trank den Anblick in sich hinein, das Bett, wo er in ihren Laken geschlafen hatte, den Stuhl unter dem Fenster, die Kommode mit den beiden gerahmten Fotos. Ihr Parfum hing in der Luft. Warum quälte er sich mit dem Unerreichbaren? Über ihre vergangene Liebe nachzudenken half niemandem. Er würde jetzt sofort aus ihrem Schlafzimmer verschwinden, und morgen aus ihrem Leben. Er ging zurück zu dem Schrank unter der Treppe und zerrte den Staubsauger heraus. Zumindest konnte er sein altes Zimmer bewohnbar machen.



Um halb drei, sein altes Quartier war so sauber wie nötig, war von Maggie noch immer nichts zu sehen. Vielleicht hatte die alte Karre ihren Geist aufgegeben. Würde sie in dem Falle anrufen? Nicht den guten alten Kurt. Wahrscheinlich den Rosenkerl. Er tigerte ins Wohnzimmer und betrachtete ein paar weitere Fotos, die Maggie gemacht haben mußte. Sie war heute morgen mit einer Kameraausrüstung losgezogen, es mußte wohl mehr sein, als bloß ein Hobby. Zurück in der Küche warf er einen Blick in den Kühlschrank und betrachtete die Regale, in denen nichts stand als Milch, Saft und ein paar Grundnahrungsmittel. "Du mußtest allerdings einkaufen", murmelte er, während er die Tür wieder schloß.



Wieder lief er ruhelos durchs Haus und blieb in der Tür zum Wohnzimmer stehen. Die Erinnerungen an früher hatten ihn neugierig und unschlüssig zurückgelassen. Sicherlich hatte sie noch Bilder aus der Zeit. Obwohl es nicht viel anders war, als immer wieder mit der Zunge an einem wehen Zahn zu tasten, konnte er sich selbst noch ein bißchen quälen, indem er sich die Szenen aus seiner Jugend ansah. Er goß sich eine weitere Tasse des inzwischen abgestandenen Kaffees ein, nahm den letzten Keks, und ließ sich im Wohnzimmer auf die Couch sinken. Müßig griff er nach einem der Alben, die auf einem Beistelltischchen lagen.



Kurt drehte es auf die Vorderseite, und fing von hinten an, die Seiten durchzublättern. Da waren neuere Bilder von einem Jungen, etwa zwölf, sichtlich von einem Schulfotografen in Positur gesetzt, zwischen anderen, die jemand am Strand, auf dem Baseballplatz, an einem See aufgenommen hatte. Kurt sah auf dem Rücken des Einbands nach. ‚Die Rainers' hieß es da. Er blätterte zurück zu dem letzten, und daher aktuellsten Porträt und betrachtete es genau. Das also war Steves Sohn. Der Neffe, dessen Bekanntschaft er erst noch machen mußte. Die Familienähnlichkeit war groß. Die Wangenknochen und gerade Nase der Rainers und Maggies Mund. Der Junge hatte blaue Augen und dichte Brauen. Auch sein Haar war dunkel. Steves rotes Haar und Maggies Blond hatte er offenbar übersprungen. Er war ein gutaussehender Junge, stark und sportlich.



Wie es wohl wäre, so ein Kind zu haben, fragte er sich? Was würde er mit der Verantwortung anfangen? Würde er damit umzugehen wissen, oder es von Anfang an vergeigen, wie es sein eigener Vater getan hatte? Was wußte er schon darüber, wie man einen Jungen anständig großzog? Kurt Rainer, senior, war weiß Gott kein Vorbild gewesen.



Nein, er hatte schon vor langer Zeit entschieden, daß Vaterschaft für ihn nicht in Frage kam. Er würde der letzte Rainer sein, denn er konnte nicht riskieren, noch ein Kind so unglücklich zu machen, wie er es gewesen war. Aber ein Neffe war etwas anderes. Vielleicht konnte er lernen, mit einem Heranwachsenden zurechtzukommen. Vielleicht würde Maggie erlauben, daß sie sich kennenlernten, daß er den Jungen mal mit in die Berge nahm, eine Wanderung mit Rucksäcken, ihm etwas über die Wildnis beibringen. Das würde er wirklich gern tun.



Er blätterte weiter durch die Seiten, sah den Jungen in den Bildern immer jünger werden. Etwa auf der Hälfte erschien Steve. Der Junge war ungefähr sechs. Maggie war nicht oft auf den Bildern, sah dünner und müde aus. Was war vorgefallen, daß sie ihr Leuchten verloren hatte? War es das, was Ehe und Mutterschaft einem antaten? Kurt nahm einen Schluck Kaffee und überblätterte einige Seiten, bis er zum Anfang des Albums kam. Vielleicht ergab das ganze mehr Sinn, wenn er von vorn anfing. Er rückte das Buch auf seinen Knien zurecht und öffnete den Umschlag. Auf der ersten Seite war ein Hochzeitsfoto. Steve, der lächelte wie die Katze, die den Kanarienvogel gefressen hat. Es war schwer, Maggies Gesichtsausdruck zu lesen. Alle anderen sahen glücklich genug aus.



Nur eine Seite später gab es ein Foto von Maggie, Steve und einem pummeligen Baby mit einem belämmerten Grinsen. Was denn, keine Erinnerungen an die Hochzeitsreise? Reichlich Bilder von dem kleinen Kerl folgten, alle säuberlich beschriftet mit Datum und Ort. Kurts Hand fror über einem Porträt von Jeff fest, auf dem dieser drei Monate alt war.







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