Pat's, Anja's & JJ's Working Place


Dragontree takes you home

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Kapitel 02



Um kurz vor vier trat Maggie die Haustür auf und ließ ihre Kameratasche auf den Flurtisch fallen. Sie war angespannt und verärgert, aber das war weder Rogers Schuld, noch die seines komfortablen, klimatisierten Land Cruisers. Sie zog ihre Bluse aus den Jeansshorts, lief den Korridor entlang und ließ ihre Kleidungsstücke links und rechts auf den Boden fallen. Nackt ging sie zur Dusche. Bevor sie Frieda in Glenhaven gegenübertrat, brauchte sie ein paar Minuten, um ihre Gedanken zu sammeln.



Sie stellte den Duschstrahl auf Massage und ließ ihn über ihre angespannten Schultern laufen. Der Tag mit Roger hatte mehr Probleme geschaffen, als gelöst.



Er hatte ein elegantes Picknick vorbereitet, eine idyllische Stelle zum Essen ausgewählt und sie mit Aufmerksamkeit überschüttet. Nach dem Essen waren sie an dem Flüßchen spazierengegangen, er hatte ihre Hand gehalten und sie sehr sanft geküßt. Er war freundlich und geduldig, und sie haßte sich selbst dafür, daß sie darauf nicht einging. Was wollte sie denn mehr? Was konnte Roger denn noch tun oder sein? Welche eigensinnige Stimme in ihr hielt sie zurück, flüsterte ihr zu, es wäre falsch, seinem Vorschlag zuzustimmen, für ein langes Wochenende zusammen wegzufahren, solange Jeff im Ferienlager war? Sie hatte ihm gesagt, sie würde darüber nachdenken.



Sie stellte das Wasser ab, trat aus der Dusche und wickelte sich ein Handtuch um den Kopf. Sie wußte genau, was sie zurückhielt. Die ganze Zeit über verglich sie ihn mit Kurt.



Langsam cremte sie Arme und Gesicht ein.



Das letzte Picknick mit Kurt hatte aus Brötchen und Fleischwurst bestanden, hinuntergespült mit warmem Bier. Sie hatte alles besorgt, aber er hatte es die meiste Zeit getragen. Sie waren stundenlang gewandert, dann eine Felswand hochgeklettert, um von oben den Ausblick bewundern zu können. Sie hatte sich weit von der Kante zurückgezogen, ihr schwamm der Kopf von der Höhe, aber er war direkt hinter ihr und hatte sie bequem zwischen seinen Beinen gehalten.



Sie schraubte den Verschluß wieder auf den Cremetiegel, stand vor dem Spiegel und hing ihren Erinnerungen nach.



Er hatte ihre Schultern gehalten und strich mit einer Hand über ihren Arm, während er ihr Bäume, Vögel und Tierspuren zeigte.



Ihre Augen im Spiegel beobachteten ihre Hand, die leicht über ihre Haut strich, wo er sie berührt hatte. Ihr Arm schien zu beben und zu brennen, unter den sanften Fingern.



Sie war verrückt vor Liebe gewesen. Er hatte sich an ihren Nacken geschmiegt und geflüstert: »Geh fort mit mir, Maggie. Laß alles hinter dir. Wir schaffen es.«



Wieder schloß sie die Augen, wie sie es vor Jahren bei seiner Frage getan hatte und wiederholte flüsternd und kopfschüttelnd ihre Worte. »Du weißt, daß ich das nicht kann.«



Sie zwang ihren Blick weg vom Spiegel, zog einen Rock über und kämmte durch ihr feuchtes Haar.



Damals hatte sie wirklich geglaubt, was sie sagte. Wirklich geglaubt, daß es ihren Vater umbringen würde, wenn sie mit dem schwarzen Schaf der Stadt auf und davon ginge. Was ihr Bruder Phil getan hatte, war schon genug gewesen; sich in diesen furchtbaren Investitionsbetrug verwickeln zu lassen. Phil war niemals in der Lage gewesen, einem dieser Projekte, mit denen man angeblich von heute auf morgen reich wurde, zu widerstehen. Und Dad war immer so gut, so geduldig gewesen. Er war ein Bär von Mann, rücksichtsvoll, mit langsamen Bewegungen, und er hielt die Welt von seinen Kindern. Sie konnte enfach dem Schmerz ihrer Familie nicht noch einen weiteren hinzufügen.



Sie schlüpfte in Ledersandalen und griff ihre Autoschlüssel.



So wiederholte sich die Geschichte. Wieder drang Kurt in ihr Leben ein: Sie weigerte sich, mit Roger wegzufahren, dem Mann, der sie liebte, der versprach für sie zu sorgen; nur Kurt Rainers wegen. Und Kurts Großmutter wollte, daß sie ihn im Krankenhaus besuchte, wo schon der bloße Anblick seines Fotos diesen Aufruhr in ihr verursachte. Wie konnte sie ihm gegenübertreten? Einerseits fühlte sie sich ihrer alten Wohltäterin verpflichtet, andererseits riet ihr ihr Instinkt, sich zu weigern, um sich ihre emotionale Sicherheit zu erhalten.



Sie würde ihren ganzen Mut aufbringen müssen, um sich hinters Steuer zu setzen, und den Wagen in Richtung Krankenhaus zu lenken, in dem Kurt lag. Na schön, sie war ein Feigling, sie würde Frieda im Stich lassen. Dieses eine Mal würde sie das dann eben tun müssen und hoffen, daß Frieda ihre Entscheidung respektierte.



*



Kurt Rainer parkte unter einer riesigen Ulme, die die Straße überschattete. Er verschränkte die Arme auf dem Lenkrad und ließ den Kopf auf die Hände sinken. Ein paarmal, auf der Autobahn, hatte er befürchtet, es nicht zu schaffen. »Ausblenden« wie sie beim Film sagen. Und als er auf die Nebenstraßen abbog, rüttelte der unebene Untergrund fast sein Innerstes durch das Loch in seinem Bauch. Er setzte sich auf und preßte die Hand darauf. Es blutete wieder. Die provisorische Bandage nützte nicht viel. Er suchte in seiner Tasche und fand das Röhrchen mit den Schmerztabletten und schluckte zwei davon trocken. Er brauchte eine Minute Pause bevor er seiner Großmutter gegenübertrat.



Ein paar tiefe Atemzüge, laß die Tabletten wirken; dann würde er sie nicht erschrecken. Oma würde sich um ihn kümmern, wie sie das früher immer getan hatte. Was sollte es, er war nicht schlimmer dran, als er es ein paarmal als Kind gewesen war, wenn Dad ihn dazwischen gehabt. Sie hatte sich auch damals um ihn gekümmert. Doch Dad war nie mit dem Messer auf ihn losgegangen, wenn er auch sonst fast alles benutzt hatte.



Er brauchte ein paar Minuten, um sich zu sammeln. Der Sturz diesen verdammten Berg hinunter war schon schlimm genug gewesen. Die Fragen und das Krankenhaus hatten ihn fast wahnsinnig gemacht. Woher sollte er wissen, was in Johnny Gunns Leben ablief? Soweit es ihn betraf, war der Star ein selbstverliebtes Arschloch gewesen; das war alles, was er wußte, und das war es auch, was er der Polizei gesagt hatte.



Er streckte die Schulter unter dem Heftpflasterverband und konnte ein leises Aufstöhnen nicht unterdrücken, als der Schmerz seinen Arm entlang schoß, trotz der Tabletten.



Zehn Jahre als Trekkingausrüster der Spitzenklasse und Naturführer, und ein blöder Unfall brachte ihn ins Krankenhaus und unter Verdacht. Nur war die Wunde in seiner Seite kein Unfall. Jemand wollte ihn aus dem Weg haben.



Der Arm würde heilen, wie das Bein. Er würde --verdammt noch mal-- dafür sorgen, daß sie in weniger als den drei Wochen, die dieser Idiot von Arzt vorhergesagt hatte, wieder funktionsfähig wären. Was wußten diese Kerle schon Willenskraft eines Kurt Rainer?



Davon abgesehen, mußte er fit sein, um sein Geschäft in Gang zu halten, damit es gut lief, und er einen entsprechend guten Preis dafür bekam. Obwohl er sich nicht sicher war, ob es richtig war zu verkaufen. Er hatte sich schon eine Weile rast- und ruhelos gefühlt. Vielleicht befand er sich an der Schwelle zu einem neuen Abschnitt in seinem Leben, mußte er neue Herausforderungen finden, neue Gipfel, die es zu erklimmen galt. Diese verdammte Geschichte mit Johnny Gunn hatte ihn auf alle Fälle auf einen Umweg geleitet.



Er bewegte die Finger und zog mit der Rechten die Schlinge weg vom Körper. Gott, war das unangenehm. Er sah hinauf in die Äste der massigen Ulme. Trotz des Protestes seiner verkrampften Muskeln, verzog ein schmales Lächeln seinen Mund, als er die Reste des Baumhauses oben erkannte. War es wirklich nur viereinhalb Meter hoch? Mit zehn hatte Steve geglaubt, sie wären auf dem Gipfel der Welt. Nicht einmal damals war es ihm selbst hoch oder gefährlich genug gewesen.



Der stechende Schmerz bei jedem Atemzug ließ langsam nach, und er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er würde es auf seinen zwei Beinen bis zur Tür schaffen, ohne umzukippen. Vorsichtig ließ er sich aus dem Wagen gleiten, streckte mit einer Grimasse das steif gewordene verwundete Bein, hielt sich für einen Moment am Dach fest, während sein Kopf sich nach der Bewegung wieder klärte und betrachtete das Haus seiner Großmutter. Es sah gut aus. Jemand hatte sich um die Blumenbeete und den Rasen gekümmert. Er erinnerte sich an den alten Handrasenmäher, den er, wie ihm schien, stundenlang über das harte Gras geschoben hatte. Manchmal stellte er sich vor, es wäre sein Vater, den er so grob anfaßte, nach einem ihrer spektakulären Streits.



Er war nicht einmal mit Oma in Kontakt geblieben, hatte sich gründlich und effektiv von allem abgeschnitten. Keine Neuigkeiten von der Familie, noch sonst jemandem in der Stadt. Aber sie hatte ihn in der Vergangenheit oft genug wissen lassen, daß sie ihn liebte. Er wußte, daß sie an ihn dachte, ihn vermißte. Sie war die einzige, der er irgendwas bedeutete. Wenn da etwas in seinem Leben war, dessen er sich schuldig fühlte - und er mußte sich eingestehen, daß es da ein oder zwei Dinge gab - dann war es, daß er nie versucht hatte, ihr seinen Erfolg mitzuteilen.



Die Tasche in der unverletzten Hand, humpelte er zur Tür und nahm den Türklopfer aus Messing zur Kenntnis, der auf der schwarzen Lackfarbe glänzte.



Er war gut im Erkennen solcher Details. Ausrüstung mußte instandgehalten werden und gut in Schuß sein.



Die Stille lag drückend über dem späten Nachmittag. Von der Autobahn konnte er einen Schwerlaster in den nächsten Gang schalten hören. Irgendwo spielte der Wagen eines Eisverkäufers »Pop Goes the Weasel«.



Er stellte die Tasche ab und benutzte den Türklopfer. Nichts. Er beugte sich zu dem altmodischen Briefschlitz hinab, öffnete die Klappe und spähte hindurch. Die Holztreppe lag direkt gegenüber. Wenn man hinaufging, erinnerte er sich, mußte man auf die Außenseite der zweiten und dritten Stufe treten, weil diese sonst knarrten. Viele Nächte hatte er genau das getan, nachdem er sich von Maggie verabschiedet hatte, bevor Oma ihm den Raum an der Rückseite gab. Er verzog das Gesicht, während er sich wieder aufrichtete. Er mußte sich diese Frau aus dem Kopf schlagen.



Sicher, daß niemand zu Hause war, drehte er um und ging langsam um die Ecke. Sein altes Zimmer war durch einen kurzen Gang mit der Küche verbunden. Es ein Appartement zu nennen wäre übertrieben gewesen. Ein großer Raum mit einem Bett und einer Couch. Er hatte sich die Küche und das untere Bad mit Oma geteilt. Aber was für eine Zuflucht vor dem Zorn seines Vaters war es gewesen!



Er spähte in die Fenster. Dieser Teil sah vernachlässigt aus. Die Fenster waren schmutzig und verschmiert. Er stellte die Tasche ab und wischte mit dem Handrücken einen Teil der Scheibe sauber, um hineinsehen zu können. Die Möbel standen, wie er sie verlassen hatte, seine alten Footballflaggen und ein paar zerfetzte Poster hingen nach wie vor an den Wänden. Sogar ein Pulli lag noch auf dem Bett; alles bedeckt von einer Staubschicht, die die Farben verblassen und die Umrisse verschwimmen ließ.



Mit der gesunden Hand langte Kurt nach oben und tastete nach der Mulde in dem niedrigen Dachvorsprung. Unter einer Schicht trockener Blätter und Schutt schlossen sich seine Finger um einen Schlüssel. Oma würde sich freuen, ihn wieder in seinem alten Zimmer zu sehen. Nur ein wenig ausruhen, und er würde es in Nullkommanichts wieder bewohnbar gemacht haben. Er hatte schon in viel schlimmeren Ecken gelebt. Und außer seiner Großmutter brauchte niemand zu wissen, daß er hier war.





*





Maggie fand Frieda im Schatten des gepflasterten Innenhofes, einen Stapel unordentlicher Zeitungen neben sich. Die alte Dame schob ein Sammelsurium von Ausschnitten zur Seite und legte ihre Schere und ein Album oben auf.



»Geht's Jeff gut?« fragte sie.



Maggie zog sich einen Stuhl an den Tisch. »Er ist geradezu ekstatisch. Ich glaube er hat nicht einmal mitbekommen, daß wir gegangen sind.«



»Wir?« Frieda zog eine Augenbraue nach oben.



»Roger hat uns gefahren.« Maggie lächelte verlegen.



»Soso.« Frieda legte einen Hand auf einen Briefumschlag auf dem Tisch.



Maggie räusperte sich und rückte ihren Stuhl näher heran. Sie nahm Friedas Hand.



»Ich habe den Artikel gelesen«, sagte sie.



Frieda schwieg, ihre klaren Augen fest auf Maggies Gesicht geheftet. Ihre Knöchel schimmerten weiß auf dem Griff ihres Krückstocks.



»Es hat eine Menge Erinnerungen zurückgebracht.« Maggie atmete tief: »Ich glaube nicht, daß ich ins Krankenhaus fahren kann«, sagte sie gehetzt.



»Soso«, sagte Frieda wieder. Sie atmete aus und lehnte sich in die Kissen zurück. »Mach dir deswegen keine Gedanken. Ich habe ihm geschrieben.« Sie klopfte mit der Hand auf den Brief.



»Es tut mir leid.«



»Hör auf, dich zu entschuldigen. Wenn du nicht kannst, dann kannst du nicht. Ich bin diejenige, der es leid tut, wegen gestern. Ich hatte Angst, aber inzwischen hatte ich Zeit zum Nachdenken.«



Maggie fühlte sich mies. Dankte sie Frieda auf diese Weise all ihre Freundlichkeit, das Haus, ihre Ermutigungen, ihrem Herzen zu folgen und ihrer Fotoleidenschaft nachzugehen? Sie rutschte unruhig auf dem Lattenstuhl herum. Als sie aufblickte, sah sie Dianna über den Rasen kommen.



»Vielleicht ...« begann sie.



»Sag es nicht. Bleibe bei deiner Entscheidung, mein Kind. Du hast darüber nachgedacht, genau wie ich. Ich werde dich nicht bitten, zu ihm zu fahren, wenn du ihm nicht gegenübertreten kannst.«



Maggie atmete erleichtert aus.



»Obwohl Gott allein weiß, warum nicht«, fuhr Frieda fort. »Ihr zwei wart früher so eng befreundet. Auf jeden Fall habe ich eine bessere Idee. Ich habe ihn eingeladen, nach Branscombe zu kommen, um sich zu erholen.«



Maggie starrte sie an. »Du hast was?« sagte sie kaum hörbar.



»Ich habe ihn eingeladen.« Wieder klopfte Frieda auf den Brief.



Plötzlich stand Dianna an Friedas Schulter. Maggie und Frieda sahen sie schweigend an. Das Mädchen schien eine besondere Begabung dafür zu haben, in einem entscheidenden Moment aufzutauchen.



»Hallo Mrs. Haydon, Ms. Rainer«, sagte sie fröhlich. »Wie geht es Ihnen?«



»Ziemlich gut, danke.« Frieda hielt inne, erwartete offensichtlich, daß die Schwester wieder ging, bevor sie ihr Gespräch fortsetzte.



»Gut. Soll ich den Brief für sie einwerfen?« Dianna streckte die Hand aus.



»Vielen Dank, meine Liebe. Das wird nicht nötig sein. Maggie wird ihn für mich zur Post bringen.« Sie gab den Brief an Maggie weiter, die Adresse dabei verdeckend.



»Selbstverständlich«, gab Maggie zurück. »Kein Problem. Ich nehme ihn direkt mit.«



Frieda hängte ihren Stock über die Armlehne, und stützte sich ab, um aufzustehen.



»Stehen Sie da nicht 'rum«, sagte sie zu Dianna. »Helfen Sie mir auf die Füße.«



Dianna beeilte sich, ihr zu Hilfe zu kommen und reichte ihr dann den Stock. Die alte Dame zog sich hoch und sah Maggie an. »Du bist alt genug, deine eigenen Entscheidungen zu treffen«, sagte sie. »Ich respektiere, was du für das beste hältst. Aber die Einladung steht, und nicht zum ersten mal. Bitte sorge dafür, daß der Brief mit der heutigen Post rausgeht.«



Maggie schob den Brief in den Stapel, der darauf wartete, eingesammelt zu werden, ohne die Vorderseite anzusehen. Sie hatte kein Verlangen danach, seinen Namen zu lesen, oder zu wissen, wo genau er war. Ihre ganze Quälerei war umsonst gewesen. Ob sie wollte oder nicht, sie würde ihn wahrscheinlich wiedersehen, wenn er Friedas Einladung annahm. Der Gedanke verursachte ihr ein besorgtes Kribbeln, Faszination gemischt mit Unbehagen, wie man eine wunderschöne, aber tödliche Schlange betrachtet.



Sie durchquerte das Foyer und öffnete die Tür zu ihrem Büro. Da sie schon einmal hier war, konnte sie auch gleich einige Dinge erledigen, und sie brauchte die Sicherheit vertrauter Abläufe, um sich zu beruhigen. Frieda hatte ganz klar die Planung an sich gerissen, dachte sie beim Sortieren ihrer Papiere. Sie würde noch einige Tage Zeit haben, ehe ihn der Brief erreichte und er darauf reagieren konnte. Einige Tage, in denen sie entscheiden konnte, was sie tun würde. Wenn er antwortete ... sobald er ankündigte, daß er nach Branscombe zurückkäme, konnte sie sich aus der Gefahrenzone begeben.





*





Maggie bog in die Auffahrt vor ihrem Haus ein und parkte neben den Rhododendren. Die Büsche verstreuten ihre Blütenblätter auf dem Rasen, ihre weiße und rosafarbene Schönheit schon wieder für ein Jahr vergangen. Irgendwann, bald, würde sie das aufräumen müssen. Sie stieg aus dem Auto und streckte die Glieder, genoß die warme Luft des Hochsommers. Träge ließ sie ihren Blick zurück zur Straße schweifen und sah den fremden Wagen unter der Ulme. Die meisten ihrer Nachbarn und deren Gäste parkten auf ihrem eigenen Grundstück. Dann fiel ihr ein, daß die Wilsons von nebenan über anstehende Renovierungen gesprochen hatten. Wahrscheinlich ein Gutachter. Sie zögerte, hüllte sich in den Frieden der Umgebung wie in einen weichen Seidenschal, der die Sorgen und Enttäuschungen des Tages vor ihr verbarg.



Was für eine Erleichterung, daß Frieda sich über ihre Weigerung, Kurt aufzusuchen, nicht aufgeregt hatte, zumindest hatte sie ihre Enttäuschung gut verborgen. Es würde mindestens eine Woche vergehen, bis Kurt überhaupt auf die Einladung in dem Brief reagieren konnte, überlegte Maggie. Das hing davon ab, wie schwer er verletzt war. Sie hatte eine flüchtige Vorstellung von diesem muskulösen Körper, unbeweglich in einem Bett, den Schwestern, Routinen und Anordnungen ausgeliefert. Sie konnte sich vorstellen, wie er darauf reagieren würde. Vielleicht sollte sie im Krankenhaus anrufen, nur um sicherzugehen, daß er auf dem Wege der Besserung war. Frieda würde das wissen wollen. Und wenn nicht? Sie schob den Gedanken beiseite. Er war ein alter Bekannter, und deswegen würde sie sich erkundigen, wie es ihm ging. Nicht mehr und nicht weniger.





Der warme Geruch von frisch gemähtem Gras lag in der Luft. Einer der Nachbarn hatte Fleisch auf den Grill gelegt, und das Aroma machte sie plötzlich hungrig. Die Welt war in Ordnung, oder würde es bald sein. Sie hatte noch Zeit, sich zu überlegen, was sie tun würde und eine ganze Woche Freiheit. Vielleicht würde sie Roger doch noch anrufen, und mit ihm über ihre Pläne fürs Wochenende reden.



So sehr sie ihren Sohn auch liebte, so wichtig waren ihr diese Momente. Als alleinerziehende Mutter sehnte sie sich manchmal nach etwas Zeit für sich selbst und nach jemandem, der die Entscheidungen und Probleme einer Familie mit ihr teilte, etwas von der Last mittrug. Roger war mehr als bereit, genau das zu tun. Er würde Jeff ein guter Vater sein. Jedenfalls besser, als ein mutmaßlicher Mörder. Und Roger hatte Anspielungen auf mehr Kinder gemacht. Sie wäre so gerne von einer vollständigen Familie umgeben, vielleicht eine Tochter, gutaussehend, blond, wie beide Eltern. Rogers Kinder wären gesund, glücklich, geliebt und hätten sowohl Vater als auch Mutter. Aber über diese Dinge würde sie erst einmal eine Weile nicht nachdenken. Sie würde statt dessen in selbstsüchtigen weiblichen Beschäftigungen versinken, und niemandem als nur sich selbst Rede und Antwort stehen.



Jean Thompson, ihre Nachbarin, kam mit Muffy, dem Cockerspaniel auf sie zu. »Hi Maggie. Läßt du's dir gutgehen?«



Maggie lachte. »Hallo, Jean. Entschuldige, ich hab dich gar nicht kommen hören. War in Tagträumen versunken. Hi, Muffy.« Sie beugte sich hinunter und kraulte dem Hund die langen seidigen Ohren.



»Haben sie dich für eine Weile dir selbst überlassen?« sagte Jean.



»Genau. Jeff ist für drei Wochen weg, und ich habe bis Montag Urlaub. Eine ganze Woche.«



»Fährst du weg?«



»Nein. Zumindest nicht sofort.« Vielleicht würde sie wegfahren, wenn das mit Roger klappte, oder wenn Kurt drohte zurückzukommen. »Das Wetter soll ja schön werden. Vielleicht hole ich mein Rad aus der Garage und wasche es, fahre irgendwohin, mache ein paar Strandfotos. Und da läuft noch ein Film, den ich sehen wollte.



Jean sah auf die Uhr. »Wir haben Besuch«, sagte sie. »Komm doch rüber, wenn du magst.«



»Danke, könnte ich machen.«



»Jederzeit.« Jean nahm Muffys Leine und winkte.



Maggie wußte, daß sie nicht hinübergehen würde. Endlich mußte sie fürs Abendessen einmal nicht planen. Konnte für sich allein entscheiden, ob sie überhaupt essen würde, oder nicht. Sie würde sich für eine halbe Stunde mit einem kühlen Glas Limonade auf die Terrasse setzen und ihre Unabhängigkeit genießen. Bevor noch andere wohlmeinende Leute sie davon abhalten konnten, nahm sie ihre Tasche vom Vordersitz und knallte die Autotür zu.



Sie lief die Stufen zur Veranda hinauf, ihre Absätze klapperten auf dem hölzernen Boden. Die Klappe des Briefkastens stand nach oben, als hätte jemand etwas hindurchgeschoben. Sie zögerte, runzelte die Stirn, das fremde Auto fiel ihr wieder ein. Dann atmete sie lachend aus, als sie sich an Jeans Grillparty erinnerte. Der Wagen gehörte natürlich einem ihrer Gäste. Du liebe Güte, ihre Nerven mußten schon sehr dünn sein, wenn sie wegen solcher lächerlichen Dinge mögliche Eindringlinge sah.



Als sie die Tasche auf den Tisch im Flur fallen ließ, erklang ein kratzendes Geräusch von weiter hinten aus dem Haus und sie hielt inne, lauschte angestrengt, ihr Herz schlug schneller. Sie tastete hinter sich nach der Türklinke und umfaßte sie, bereit, die Tür aufzureißen und zu fliehen. Sie hielt ihre Autoschlüssel noch immer in der Hand und nahm den größten zwischen ihre Finger, wie man es ihr in einem Selbstverteidigungskurs beigebracht hatte. Ihr Mund war plötzlich trocken.



Wie auf Stichwort tauchte ein Mann am Ende des Korridors auf. Die Sonne stand tief, schickte ihre Strahlen durch die Vorderfenster und ließ tiefe Schatten entstehen, so daß sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Sie kniff die Augen gegen das Licht etwas zu, und Angst zog ihr den Magen zusammen. Niemand, den sie kannte, würde während ihrer Abwesenheit ihr Haus betreten. Ihre Füße waren wie festgenagelt, und sie sandte einen Befehl an die Muskeln in ihren Beinen zu rennen. Sie wußte, sie sollte hier verschwinden, aber etwas hielt sie, Intuition, irgendein furchtbares Wissen.



Er sagte noch immer kein Wort, kam aber einen Schritt näher. Plötzlich konnte sie sein Gesicht erkennen. Sie keuchte und streckte eine Hand aus, um sich an der Wand festzuhalten. Ihr Herzschlag wurde zu einem lauten Pochen in ihren Ohren, ihr wurde erst heiß, dann kalt.



»Kurt?« Ihre Stimme erstickte in ihrer Kehle, die Frage kaum mehr als ein Flüstern.



Kurt Rainer kam einen weiteren Schritt näher.



»Hallo Maggie.«



»Was machst du hier?«



»Kein sehr gnädiger Empfang für einen alten Freund. Ich hab schon Bären im Wald aufgestört und bin von ihnen herzlicher empfangen worden.«



Sie konnte ihn jetzt klarer sehen. Seine Mundwinkel zogen sich noch immer links höher als rechts. Er war schon immer groß gewesen, selbst in der Schule, und hatte seine volle Körpergröße lange vor dem letzten Schuljahr erreicht. Aber er war kräftiger geworden, seine Muskeln wirkten stark und geschmeidig unter dem roten Polohemd. Die unbezähmbare schwarze Locke fiel noch immer über ein Auge. Wegen der Sonnenbrille konnte sie seine Augen nicht sehen. Sie waren wahrscheinlich noch immer von dem gleichen klaren Blau. Ein Arm lag in einer Leinenschlinge, die um den Körper befestigt war. Er hielt ihn, als hätte er Schmerzen. Er kam einen weiteren Schritt auf sie zu, schonte ein Bein, lehnte sich dann haltsuchend gegen die Wand. Ihr Rücken war eng an die Tür geschmiegt.



»Hey, ich bin's nur! Ist lange her«, sagte er.



Es war zwölf Jahre her, eine lange Zeit und viel Herzweh, viele Veränderungen in ihrem Leben, seinetwegen.



»Wie bist du hier reingekommen? Was willst du?« fragte sie wieder.



»Das hier ist immer noch Großmutters Haus, oder? Wo ist sie?«



»Ich wohne hier. Wir sind seit drei Jahren hier.«



Wieder dieses schiefe Lächeln. »Wir? Verheiratet, Maggie?«



Als wenn es dich kümmerte! »Nicht mehr.«



Er machte einen weiteren Schritt. Sie konnte Falten um seinen Mund sehen, eine weiße Narbe die den Kiefer entlanglief. Wie von einer Messerwunde. War wahrscheinlich eine, wenn Kurt Rainer im gleichen Stil weitergemacht hatte. Er war blaß unter der Sonnenbräune und seine Lippen waren zu einer dünnen Linie zusammengekniffen.





»Ich habe einen Sohn«, sagte sie. »Jeff und ich wohnen hier. Deine Großmutter vermietet es an uns.« Das war nicht ganz richtig. Sie zahlten keine Miete, solange sie sich um das Haus und das Grundstück kümmerten.



Er hatte eine Schulter am Treppengeländer abgestützt und sah sie mit diesem alten Lächeln an, daß zu sagen schien, »Komm schon, Maggie. Erzähl mir nichts.« Oh Gott, was sollte sie tun? Gott sei Dank war Jeff nicht hier. Sie durften sich nicht begegnen!



Sie straffte die Schultern und drückte sich an ihm vorbei, hielt den Atem an, als sie ihm nahe kam, fühlte die Elektrizität und seine Körperwärme als bewegte sie sich durch ein Magnetfeld. Sie ging den Flur hinunter zur Küche und versuchte, einen Sinn in seinem plötzlichen Auftauchen zu finden. Ganz offensichtlich konnte er Friedas Brief, den sie gerade erst abgeschickt hatte, noch nicht erhalten haben. Er folgte ihr in den schmalen Gang zwischen den Arbeitsplatten. Auf allen Seiten gefangen suchte sie nach einem Ausweg, nach einer Beschäftigung für ihre nervösen Hände.



»Ich wollte mir etwas Limonade holen. Auch welche?« Sie öffnete die Kühlschranktür.



»Hoffe, es macht dir nichts aus, ich war schon so frei.« Er wies auf ein Glas auf der Arbeitsplatte.



»Ist Oma nicht hier?« fragte er wieder.



Sie mußte lächeln, über den liebevollen Titel, den sie als Kinder alle benutzt hatten. »Nein, schon fast ein Jahr nicht mehr. Sie ist in Glenhaven, dem Seniorenheim.«



Er verzog sein Gesicht. »Das mußt du mir erzählen. Ich bring nur mein Zeug rüber.« Er zeigte auf die Reisetasche.



Sie sah ihn über die Kühlschranktür hinweg an. »Zeug?«



»Ja.« Endlich ging er etwas zurück, zog einen Stuhl vom Tisch und setzte sich schwerfällig. »Großmutter hat immer gesagt, ich könnte hierbleiben, wann immer ich wolle. Ich kann mein altes Zimmer nehmen.« Er rieb sich mit der freien Hand übers Gesicht. Er sah müde und abgespannt aus.



Der Raum, der während der Schule und die fünf Jahre danach ihm gehört hatte, lag an der Seite des Hauses. Maggie und Jeff gingen nie hinein. Sie hatte nicht einmal darin saubergemacht.



Sie stellte die Karaffe mit der Limonade vorsichtig zurück in den Kühlschrank und schloß die Tür. Alles war sehr still und sehr hell. Das Summen des Kühlaggregats war plötzlich furchtbar laut. Kurts rotes Hemd und seine schwarze Jeans, straff über seinen ausgestreckten Oberschenkeln gespannt, setzten sich reliefartig von vom blassen Hintergrund der Küchenwand ab. Das Muster auf den Kacheln schien zu schimmern und sich zu winden.



»Hey, Maggie. Alles klar?«



Wie der Blitz kam er vom Stuhl hoch und war an ihrer Seite, trotz der Wunde, des Beins und seiner Müdigkeit. Er nahm ihren Arm und seine Berührung brannte Eis und Feuer bis in die Mitte ihres Seins. Sie wollte schreien, ihm befehlen, sie nie, nie wieder anzufassen.



Sie atmete tief und trat von ihm weg. »Du kannst nicht hierbleiben.«



Der Schmerz begann als winzige Knospe unterhalb ihres Brustbeins. Sie hielt sich an einer Stuhllehne fest, krampfte ihre Hände darum, um sich in der Wirklichkeit zu verankern.



Er ging langsam zum Tisch zurück und sank auf seinen Stuhl, beobachtete sie mit einer kleinen Falte zwischen den Brauen. »Für eine Minute dachte ich, du würdest ohnmächtig werden. Kann nicht so beunruhigend sein, mich wiederzusehen, oder doch?«



Wenn du wüßtest, dachte sie, wenn du nur wüßtest.



»Ich will dich nicht hierhaben.«



Er lachte kurz auf. »Aber ich werde dich nicht stören. Du wirst mich gar nicht zu Gesicht kriegen. Davon abgesehen ...« Er bewegte seinen Arm in der Schlinge. » ... kann ich im Moment nicht arbeiten. Ich brauche eine Bleibe. Oma hatte immer Platz für mich. Ich wäre immer willkommen hat sie gesagt. Es überrascht mich, daß sie dir das nicht erzählt hat, wenn ihr euch so nahe steht.«



Maggie lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. Sie hatte keine Lust, über irgend etwas mit ihm zu diskutieren. Ihre oberste Priorität war es, diesen Mann aus ihrer Küche und aus ihrem Leben zu bekommen.



»Haben sie dich aus dem Krankenhaus entlassen?«



Er zögerte einen Moment zu lange. »Ich mußte weg.«



»Du mußtest weg? Was genau heißt das?«



Er zuckte die Schultern, schob die Sonnenbrille hoch und preßte Daumen und Zeigefinger gegen die Augen. »Ich war soweit.«



»Du siehst nicht gut aus.«



»Danke. Nur müde. Ich bin die Nacht durch gefahren.«



Sie hatte die müden Linien gesehen, die sich tief um seinen Mund und seine Augen eingegraben hatten, seine Wangen waren hohl. Sie war sich sicher, daß ihm sehr unbehaglich zumute war, wenn er nicht sogar heftige Schmerzen hatte.



»Warum um alles in der Welt? sagte sie. »Sicherlich ...«



»Laß gut sein, Maggie. Ich kann die ganze Nacht, oder den ganzen Tag fahren, wenn ich will.«



»Natürlich kannst du.« Warum vergeudete sie ihre Zeit mit Streiten, wenn sie nie wieder mit ihm reden wollte?



»Wo ist dieses Glenhaven?« fragte er plötzlich.



»Wo Oma ist? Unten am Hafen. Ich arbeite da.«



»Und sie vermietet dir das Haus.« Es war diesmal keine Frage.



Maggie nickte, entschied sich dann, es ihm näher zu erklären. Es gab genug Geheimnisse zwischen ihnen, auch ohne harmlose Zusammenhänge vor ihm zu verbergen. Sie strich mit der Hand über die Arbeitsplatte, sammelte ein paar Krümel auf, vermied es, ihn anzusehen.



»Sie verlangt keine Miete. Ich halte hier alles für sie in Ordnung. Ich habe bei ihr gewohnt, bevor sie nach Glenhaven ging. Es ist also nichts ungebührliches dabei.«



»Ich habe auch nichts anderes erwartet.«



Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu. Er hatte sie bloß auf den Arm genommen, wie immer.



»Stimmt was nicht?« fragte er.



Sie seufzte. Er konnte noch immer in ihrem Gesicht lesen wie in einem Buch. Zwischen ihr und Kurt hatte es nie irgendwelche Geheimnisse gegeben, außer diesem einen, gewaltigen, daß er nie erfahren durfte.



»Geht es ihr gut?« fragte er besorgt, den Grund für ihre Unruhe mißverstehend.



Wieder seufzte sie. »Wahrscheinlich nur das Alter. Sie ist so lebhaft wie eh und je, sagt noch immer geradeheraus, was sie denkt und liest ihre Zeitungen. Aber sie verblaßt langsam, wie eine alte Fotografie. Sie ist immer noch sie selbst, aber nur so gerade eben. Hier wurde ihr alles zuviel. Ich besuche sie jeden Tag, wenn ich kann.



Er sah sie über den Rand seines Glases hinweg an, aber er hatte immer noch diese verdammte Sonnenbrille auf. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht entziffern.



»Verstehe.«



Nein, du verstehst gar nichts, wollte sie ihm entgegenschreien. Du verstehst nicht, was ich aus meinem Leben gemacht habe, seit du und Steve das unterste zuoberst gekehrt habt. Ihr beide habt jedem wehgetan, mit dem ihr zu tun hattet. Aber ich habe euch beide überlebt.



»In einem Motel hättest du es bequemer«, preßte sie hervor.



Er nahm die Brille ab und sie sah seine Augen. Immer noch blau, strahlend blau, wie sie erwartet hatte, zwingender als je in dem gebräunten Gesicht. Umsäumt von einem Netz feiner Linien. Eine dunkle Prellung hoch auf einem Wangenknochen. Sie ersparte sich den Kommentar.



»Dein Zimmer ist seit Jahren nicht saubergemacht worden ...«



Er schob sich die Locke aus der Stirn. Maggies Herz machte einen Satz, ein merkwürdiges Schwirren begann in ihrer Magengegend. Du verdammter Mistkerl, Kurt, du hast kein Recht, mir so zuzusetzen! Geh weg! Und bleib weg, so wie die letzten zwölf Jahre!



»Kein Problem,« sagte Kurt auf ihre Bemerkung über das Zimmer. »Ich bin an rauhe Nachtlager gewöhnt.«



»Ich will dich hier nicht haben«, wiederholte sie.



»Das erwähntest du bereits.« Er hob eine Augenbraue. »Das hier ist das Haus meiner Großmutter, oder?«



Sie nickte.



»Sie hat mich eingeladen. Ich bleibe für eine Weile, bis ich entschieden habe, wie's weitergeht.« Er drehte das leere Glas auf dem Tisch, sah sie nicht an. »Keine Angst, ich komme dir nicht in die Quere. Du wirst gar nicht merken, daß ich da bin.« Seine Stimme klang kalt.



Sie atmete tief durch und schloß die Augen. Was um alles in der Welt hatte Frieda sich dabei gedacht? War sie all die Jahre über mit ihm in Kontakt geblieben, ohne ein Wort darüber zu verlieren? Maggie klammerte sich an das Versprechen, daß er sie in Ruhe lassen würde. Sie betete zu Gott, daß er es ernst meinte.



Noch ein tiefer Atemzug, ein kurzer Kampf, um die Ruhe in ihrem Innern wiederzufinden, der Emotionen Herr zu werden, die in ihr tobten. Er wollte sein altes Zimmer! Kurt Rainer wollte in seinem alten Zimmer wohnen, in dem Haus, in dem sie jetzt lebte. Der Mann, den sie entschlossen aus ihrem Leben und ihren Gedanken verbannt hatte, war wieder da, leibhaftig, und er war in ihr Heim eingedrungen. Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Die Uhr tickte laut in der Stille, die schwer über der Küche lag. Durch das offene Fenster knirschte der Futterbehälter für die Kolibris leise an der Kette, als einer der Vögel zum Trinken kam. Was immer sie jetzt sagte, es wäre falsch. »Geh weg, es ist mir egal, auch wenn deine Großmutter dir das ganze Haus versprochen hätte. Du kannst hier nicht bleiben.« Oder wie wäre es mit: »Bitte, fühl dich wie zu Hause. Nimm was du brauchst.« Nix! Wie Jeff sagen würde.



Ein kratzendes Geräusch vom Tisch schreckte sie aus ihren Gedanken und sie öffnete die Augen. Kurt hatte seinen Stuhl zurückgeschoben und stand, vornübergebeugt, die Hände in die Seite gepreßt. Sein Gesicht war wächsern, die Augen zugekniffen. Sein Mund vor Schmerz verzogen.



»Was hast du?« Maggie stieß sich von der Kante ab und war in zwei Schritten bei ihm.



Er hielt sich an der Stuhllehne fest, winkte sie beiseite und richtete sich vorsichtig auf. »Schon O.K.«, sagte er keuchend. »Mach dir keine Sorgen.« Er ließ den Stuhl los und machte einen vorsichtigen Schritt. »Ich muß den Wagen wegsetzen«, flüsterte er mit blutleeren Lippen. Er schaffte es mit offensichtlicher Anstrengung bis zur Tür und hielt sich für einen langen Augenblick am Rahmen fest. Dann, schweigend und langsam, rutschte er an der Wand entlang und sank zu ihren Füßen in sich zusammen.







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The Dragon will take you to her tree

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